Der Komet.
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Der Seligste im ganzen Nebel war wohl Wor-ble, ein wahrer davon benebelter Himmelbiirger.Ich fahr' ihn absichtlich schon liier auf— noch eh'er sich wieder aus Gefolge kettet — damit dieWelt und ich doch etwas Frohes und Freies ausden, dicken Nebelweihsr auffischen. Er solls aberselber erzählen, weil er wahrscheinlich die Wahr-heit nicht ganz rein aussondert, sondern etwaslügenhaft versetzt, ich aber so etwas lieber andernüberlasse, als mir. Am weitläufigsten erzählteer seine Nebelxartie den, Hofprediger Süptitz, weiler wußte,er nehme am meisten Aergerniß daranaus Weiberscheu. »Ich wollte, sing er an,Sie wären ii» Nebel an meiner Stelle gewesenund eben so hin und her gefahren. Ich meinenur, daß Sie so viele edle Weibergesichter umhal-set hätten, wie ich. und dann eiligst hinein ge-sprungen wären ins Nebel-Dickicht. Denn hierinunterscheidet sich Nebel Vortheilhaft von Nacht,und der Kenner, so wie der Heilige, ja sogar derScheinheilige, wird stets den Nebel vorziehen, weilman i» ihm doch in der nächsten Nahe das Schönesteht, aber in der Nacht nicht. Aber wahrhaftig,ich macht'auch wenig Umstände. Wo ich indemkurzen körnt üe-vuo, das der Nebel zuließ, (esbetrug keinen Pariser Schuh) ein schönes Gesichtoder Herz überkam: auf der Stelle war ich anihm; schrie Las Gesicht oder Herz, war ich wiederfort und stand im Dickicht. Denn wie ein gehobe-ner Geisterschatz verschwand ich augenblicklich beieinem Schrei. So fiel ich denn bald in jener,bald in dieser Gasse, bald jenem bald diesem Her-zen aus Herz. es mochte nun seinen Schawl über-haben, oder blos sein Halstüchclchen, sobald nurdie Auge» und Wangen und die Lippen himmlischund herzig aussahen.»
— »Herr Hosprediger, ich lebte dabei fast in ei-ner erlaubte» Vielweiberei, der Markt war zwarkein Harem für mich. aber doch einNonnenkloster.ei» Schwestern-Haus, eine Mädchenschule, und ichwar der Mädchenschulmeister, mit dem GygeSringdes Nebels um den Leib. Ich darf schwören, daßich den innen mit Glückwünschen, und außen mitfalschen Blumen befrachteten Kopf einer nach Hofgehenden Hofdame deutlich an dem meinige» ge-habt und fest gehalten (sie war zu lieblich) fastfünf und Zwanzig Sekunden lang, denn eherkonnte der nachtrabende Bediente uns nicht anschrei-en, uns, die wir als zwei edle Homerische Gottheitenim Nebel allen Sterbliche» verdeckt waren, undnur uns selber sichtbar. Nur Eine machte ich etwasverdrießlich, welche ohne alle Vernunft schrie:»Polizei zu Hülfe! Man tastet das Extraweib ausdem Palais an," weil darauf sogleich.als ich mich aufihren Titel im Vorbeigehen näher einlassen wollte, einMensch, ein Bruder oder Liebhaber, einen Spazier-srock, als einen unnvthigen Gesetzhammer, über michaufhob und mich damit zu einem gewaltigen Svrnngins Wasser bewog. So nenn' ich gern den Nebel,da er eigentlich doch nichts ist, als ein verfeinertes,raffiniertes Wasser, und eben dadurch naß macht.Deswegen ist alles, was darin einem ManneWeibliches von Badgäsien begegnet, nichts alsMeergöttin oder Venus, dann Meerfräulein oderWassernixe, die ich zu mir herabziehe. — Siemerken aber Loch, H. Hosprediger, aus meinen
eignen Geständnissen, daß Nebel für Jung-krauen viel gefährlicher ist als Nacht; diese ist nurschwarz e. jener aber weiße Nacht. — O. jedelaufe aus der weißen Nacht zuerst davon — undsogar vor einem zufälligen Mädchenschulmeisterwie ich war. Was sagen aber Sie dazu, würdi-ger Mann?» — »Ich muß froh sein, H. Wvr-ble, versetzte er, wenn ich bei allen diesen Wer-ken des Nebels nichts mehr weiter zu tadeln habe,als das. was Sie haben berichten wollen. — »DieZeiten,» antwortet Wvrble. »litten nichts Weite-res. Sonst freilich bei Einzügen anderer Fürsten,die nicht halb so freigebig waren,als unser Marg-graf und Graf. ging es weniger verschleiert her;es war vielmehr bei königlichen und kaiserlichenEinzügen sogar hergebracht, z. B. , bei demEinzüge Ludwigs des IX. in Paris, oder des Kai-sers Karl in Antwerpen, Laß Mädchen sie bewill-kommen mußten, die gar nichts anhatten, nichteinmal gewebte oder ungewebte Nebel (*). JetzigeFürsten müssen freilich mit dergleichen war-ten." —
Wir ziehen nun wieder unserem ernste» Niko-laus nach durch den Nebel, der nach Richters sooft wiederholten Versicherungen jeden Augen-blick sich senken muß, und dann endlich kommtman in Lukas - Stadt noch einmal an. und stehtsie. Plötzlich ging durch das helle Stückchen derimmer dickern Nebel > Milchstraße ein ganz in Le-der gekleideter.fleischloser, farbloser, langgedehnterMann. mit Kopfhaaren wie Hörner und mit lan-gem schwarzen Bart, und that weite Schritterückwärts in den Nebel hinein und wieder heraus.Er verschwand und erschien mehrmals, bis er end-lich mit flammenden Augen und todbleichem An-gesicht ganz nahe vor Nikolaus stehe» blieb, undal« gerade ein vorüberschießender Lohnlakei aus-rief: »es lebe der Prinz!»— langsam sagte;»Es lebe kein Prinz; Menschen sollen nicht regie-re», sondern der Fürst der Welt,» — »Bist D»auch da, ewiger Jude ? » antwortete der Lakai. —»Ich heiße Kai», stehst Du die Schlange nicht?»versetzte die Gestalt mit dem Finger auf derStirn, die mit einer zum Sprunge aufgerichte-ten, rothen Schlange gezeichnet war. »Der Teu-fel selber bist Duz hast noch in Deinen: Leben kei-nen Bisse» gegessen und getrunken!» rief der La-kai aus dem Wsißdunkel nach.
Darauf entwickelte sich so stark das Graulendes Stößers, daß er. der vorher den Polsterträ-ger wegen des Beiworts: »kleiner Prinz,"kühn vor den Kopf gestoßen, nicht im Stande war,die Gestalt auszuprügeln, welche statt Vivat! so-gar das: Stirb! gerufen. Die Gestalt aber stelltesich gerade vor Nikolaus, und antwortete mitschneller Rede dem unsichibare» Lakaien: „nichtsvon euck braucht der Fürst der Welt i» euererkalten Welt, als cuere dicke Haut; man hätte,statt des Affenleders. Menschenleder zu meinenBeinkleidern und Armkleidern gerben sollen; michfröstelt auf der Erde."-
Hier durchfuhr den Grafen selber etwas vonSchauder, der aber verflog, da ein paar MädchenArm in Arm durch das Helle liefen, und die Ge-
(') Flügels Geschichte der komischen Literatur. B. i.
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Jen» Daul's Werke, IX.