636
Der Komet.
Ihre einzige Braut-Menuet, und noch dazu nureins halbe war's, daß he, wenn he an der rechtenHand schwer trug, mit der linken die Schürze,wie zum Tanze, etwas faßte — Doch mag auch einkleiner Großmutter-Tanz auf der Gaffe das Dei-nige gelten, wenn he in frühere» Jahren miteinem Herzog-Söhnchen nach der abendlichenThurmmufik zerrend herumhopselte. Ja, he kamoft dem Weiberhimmel voll Sphärenklang undSphärengang, nämlich dem Tanzplatze, zuweilennabe bis auf die Schwelle , wo he mit der Laterneznm Glücke recht lange warten mußte, bevor vomHochzeitball ihre Pfarrmamsellen aufbrachen. Einansehnlicher Leichenzug, dessen Anblick ihr zuwei-len bescheert wurde, war auch noch etwas vonTanz.
Immer wechselten Freud' und Leid wunderlichbei ihr. Ein neuer Besen war ihr ein Palmzweig— ein Pascharoßschweif—Putzfächer — umgekehr-ter Christbaum und Maienbaum; aber es be-gegnete ihr zuweilen — und he durfte nichts sa-gen — daß , wenn he ihr Wasser, nicht wie Säe-leute den Samen, gerade aus, sondern in weilenZirkeln auf die Diele ausgesprengt, auf einmal derJnbilariuS ibre Archimedes-Zirkel störte mit sei-nen breiten Fnßstapken. Reiner blieb ihr der Ge-nuß eines ganz neuen Tragkorbs, zumal wenn erund also he recht viel trage» konnte.
Sogar eine Gevatterschaft bleibt für eine armeMagd immer ein Sauerhonig und Helldunkel-Regina mußte anfangs b-i einer ersten und letztendoch mehr vor Schrecken als vor Freude zittern,denn he mutzte dabei zwei Thaler dem Pathchenins Kissen stecken — eben so viele Kopfstücke derHebamme in die Hand — und noch über einenkalben Gulden Nebenausgaben in anderer Hände.Diesen Aufwand eines vierteljährigen Dienst-lohns kann wohl eine Magd bedenken, wenn auchnickt abweisen; aber dafür werden auch alleweiblichen Gehndstuben, alle Küchen- lind andereMägde, Köchinnen und Kammerjungfern meinerMeinung lein, daß die Religion, als ein höheresLeben, gleich dem Tode, alle Stände gleich macht,und daß eine Magd am Taufstein so viel Men-schenwerth besitzt, als der Psar'r - und Taufherrselber, — daß allein in der Kirche ihre Persongilt, in der Kirche aber nur ihre Arbeit — unddaß ihr eiserner Name, der Taufname, den ihrkein Bräutigam rauben kann, sich ohne einenMann von selber fortpflanzt, und zwar, falls künf-tig der Tanf-Knirps wieder zu Gevatter gebetenwird, auf eine unabsehliche Reihe weit. So warRegina denn für ihr Geld und ihre Konfessioneisten ganzen Nachmittag lang eine Honorazioringewesen, bis he Abends wieder Küchenfeuer an-schürte in der Pfarrei des Taufherrn.
Wir kommen nun auf ihre vorl etzte Ehre, welchedie Veranlassung zu ihrer letzten wurde, zum Tagenämlich auf ihr Jubelfest. Es ist überhaupt schonan sich gefährlich, über irgend'eine lange Lebens-Dauer öffentlich zu jubilieren; der Tod, der! überall herum schleicht, hört den Jubel und denkt! dann in seinem gehirnleeren Schädelknvchen, er! habe daS Spätobst übersehen, und bricht es sogleich,i Die selige Regina konnte also wohl eins kostspie-^ lige Gevatterschaft aufhalten j hingegen im gebück-
ten Alter den schweren Krönmantel und Herzoghutund alle Krvninsignien zu tragen, drückt ein ge-bücktes Alter schwer. Ich erinnre mich noch rechtgut, wie he dort stand, den Kopf etwas vorgesenkt,aber sonst lang und aufrecht —mit vielen Runzeln,die sich durchschnitte», aber voll lauter freund-licher Mienen, und mit blauen hellen Augen imgrauen Kopf — und mehr demüthig als beschämt—und he schien sich am meisten darüber zu freuen,baß ihre Herrschaft eine solche Jubelmagd sich ge-halten.
Der Husten, den ihr der Zugwind aus Fama'STrompete anblies , ist bekannt: und was Sie dage-gen heilend versuchten, geschickter Rezepluar Tanz-berger, weiß alle Welt in diesem Trauerkondukt;
H. Marschalch sowohl als ich und andere. Es mußaber doch besonders berührt werden, obgleich inIhrer bescheidenen Gegenwart, wie viel Sie ge-than und aufgewandt, und wie Sie zugleich rezep-tierten und präparierten, und nichts gespart, wasdie --Neu vermehrte heilsame Dreckapotheke vonChristian Franz Paulini rc. i7iu , in VerlegungFriedrich Knochen und Sohns-- im vierten Kapi-tel (*) gegen den Husten ins Feld stellt von Un-rat!, — Sie wandten Hirschkoth auf nach einesPlinius und Vv. WollfS Rath — Sie nahmenvon Albert Ganskvth an, jin etwa^ Huflatiigwas-ser — Sie opferten ein gutes, schon im Maimonatgesammeltes allium Kl'ueeuw auf und ließen hchvon Paulini selber leiten— ja gepulverte Geiß-boknen in einigen Tropfen Wein waren Ihnennicht zu kostbar, denn Güfer war Ihr Gewähr-mann und Vorgänger.
Kurz, als Bruder und als Sterkvranist streng-ten Sie Ihren unus cersbr-i , wie man den An-sang der vierte» und ^wichtigsten Gehirnkammeranatomisch nennt, nach Kräften an, und immerkam etwas dabei heraus; denn in dem Tempel,welchen die Römer dem Husten (tussis) geweißt,waren Sie ein fleißiger Opferpriester nnd aposto-lischer Stuhl, und brachten, wie andere Aerzte,der Gottheit Gaben und Dosen. Das Genesenselber, da es, als eine Nebensache, nicht zum Ku-rieren gehört — denn meckeri oder heilen kannblos die Natur, hingegen wohl eurai-s oder dieNatur besorgen der Arzt, was eben seine Kurenund Sinekuren sind — das Genesen blieb natür-lich aus. -
Aber darüber tröste hch doch endlich ein Rezep- !tuariat, das so viel für die Hustende gethan ! Es !bedenke hier nicht blos einiges, sonder» das Meiste. !Was wir da von irdischen Resten vor uns sehen, ;ist blos daS niederschlagende Tanzbergersche Phleg- !ma; aber der feinere aufgestiegene Geist ist längst lin eins durchsichtige Phiole aufgetrieben und wird !vollkommen aufbewahrt. Wir wissen, die Seele ^ist am besseren Orte, und fragt nichts darnach !was nur hier als bloßen polnischen Rock undKaputrock derselben, als Futteral des Kopfes, jaals Hutfutteral noch vor uns stehen sehen. Indeßsogar der zurückgebliebene entseelte Kopf (hierwies der Leichenredner wieder auf des ProvisorsGehißt im Spiegel, und dieser kehrte wieder seinesdahiu) kann uns, noch dadurch erfreuen, daß er
(*) S. ga.