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am Postschalter, in Comptoiren und Kanzleien welchesGewühl!
Auch in Fräulein Lomonds Wohnung, die überhauptnicht zu den stillen im Lande gehörte, stellte sich dieserSonnabend unter unruhigen Zeichen ein. Die Sängerinresidirte in der Nähe des Theaters, Rosenstraße Nr. 27.So zierlich das Bild ist: eine Nachtigall in Rosen, so ge-bietet uns doch die Wahrheitsliebe, des Geschichtschreibershöchste Pflicht, hier zu erklären, daß nicht von Rosen-gärten die Straße ihren duftenden Namen empfangen,sondern von einem alten, herrschaftlichen Hause, das zurrothen Rose genannt wurde, noch von Olims Zeiten her,als die Häuser nicht numerirt waren wie jetzt/ vielmehrdurch Sinnbilder und Schilder unterschieden. Ueber derHausthür der rothen Rose prangte, in Stein gehauen,die Königin der Blumen, eine kolossale Centisolie, dieman freilich, wäre sie grün, statt ziegelroth angestrichengewesen, ebenso gut für einen Kohlkopf hätte ansehenkönnen. Das Haus stammte aus einer Periode, wo italie-nische Baumeister in der Stadt grafsirt und sie mit allerleiexotischen Steingewächsen bereichert hatten; Fluren mitOberlicht, gewölbte Gemächer, lange Corridore, Balkönemit eisernen, ehedem vergoldeten Gittern, Mezzanine,Attiken mit Figuren- flache Dächer, und was dergleichenwälsche Spielereien mehr sind. Fräulein Lomond fandGeschmack daran, vielleicht in Erinnerung an Neapel.Sie bezog den Hauptstock der rothen Rose, eine Reihevon hohen, hallenden Zimmern, mit einem Balkon aufdie Straße und einer Loggia auf den mit Akazien be-pflanzten Hof. Ueber ihr, in der Attika, hauste ein poly-