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Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
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technischer Schüler, der sie im Stillen anbetete. Wennsie übte oder studirte, lag er mit verhaltenem Athem aufdem Fußboden, das Ohr an die Dielen gedrückt. Vorden Fenstern ihres Schlafzimmers hing er von oben anlangen Bindfaden anonyme Selams auf. Begegnete erihr aber einmal zufällig auf der Stiege, so lief er davon,als ob ihm der Kopf brennte, und zwar ohne Gruß.Unter ihr im Entresol fand häufiger Wechsel der Mieths-parteien statt; setzt wohnte ein pensionirter Finanzrathdarin, der sich hatte zur Ruhe setzen und nebenbei einFreibillet auf die Oper genießen wollen. UnglückseligerWahn! Außer der Scala, der täglichen, hörte der Musik-freund nichts oder doch nicht viel von seiner Hausgenossin.Dagegen liefen am Morgen Theaterdiener, Livröediener,Lohndiener die Treppen lärmend aus und ab; Mittagsoder Abends kam lustige Gesellschaft, und nicht seltenwurde bis lange nach Mitternacht über dem Haupte desPenstonirten gewalzt, gepolkt, geländlert. Er zählte ver-zweiflungsvoll die Stunden bis zur Ziehzeit. Jn's Erd-geschoß der rothen Rose theilten sich ein Geldwechsler undeine Weinhandlung, welche beide Fräulein Lomond häufigin Nahrung zu fetzen liebte.

Ehe wir an ihrer Thür anläuten, wollen wir einGeständniß machen. Wenn unsere geneigten Leserinnenden bürgerlichen Haushalt, wie er sein soll,"die per-fekte Köchin," oderdas Ganze einer Musterwirthschaft"Lei ihr kennen zu lernen hoffen, so bleiben sie besserdraußen. Fräulein Lomond gehörte nicht zu den Aus-erwählten, Hausfrauen von Gottes Zorn, die beim erstenSchritt in's Zimmer ein Staubwölklein im entferntesten

Tingelsted.t's Weile. VI. 9