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Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
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Bänken mit hoher Lehne räckeln sich stattliche Lakaien,Ueberbringer von Briefen, Visitenkarten, Blumensträußenund Blumentöpfen, welche sämmtlich persönlich übergebensein wollen. Den Ehrenplatz im ledernen Armsessel be-hauptet Vater Winter, das wandernde Album aus Bremenim Schooß, das die gefeierte Künstlerin an passenderSteile mit einem kurzen Denkspruche ausstattensoll. Ein paar andere Lohndiener haben sich ihm ange-schlossen, um Jagd auf Billete zur letzten Vorstellung zumachen. Der Uhrmacher, der Sonnabend aufzieht, derKlavierstimmer, der Sonnabend stimmt, der Theater-schneider mit einem neuen Helm zum Anprobiren, derKapelldiener, stehende Figuren in diesen Räumen, harrenam Eingang. In den finstersten Winkel verkriechen sichjammervolle Gestalten: Damen mit baumwollenen Hand-schuhen und karrirten Shawls, auf der linken Seite ge-tragen; Herren, welche die Röcke bis an den Hals hinauskrampfhaft zuknöpfen, während ihre Fußzehen aus demStiesel neugierig in die Welt blicken. Die schmierigenReisepässe, die sie in erfrorenen Fingern halten, sagen,was sie sind:Künstler" ohne Engagement, welche aufCollecte gehen. Zuweilen werden Gespräch und Gelächterder buntgemischten Gesellschaft zu laut; dann öffnet sichdie innere Thür, ein majestätischer Männerkops mit Ohr-ringen schaut heraus, ein gebieterischer Finger legt sichan den Mund, unddie Stille wird stiller."

Im viva, die Göttin, schlummert noch. Ehe imAllerheiligsten, dem Schlafzimmer, das erste Glockenzeichengetönt hat, muß ehrfurchtsvolles Schweigen im Tempelherrschen, dafür sorgt der Oberpriester, Signor Beppo,

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