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Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
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fliegenden Sinne nicht gut, aber.aus der Praxis gezogen,durch sie bewährt."Und diese Theorie," fragte Sera-phim, die aufmerksam zugehört hatte, weiter,diese Theoriehaben Sie Herrn Roland vorgetragen?"Offen undehrlich, wie Ihnen; gestern Abend aus unserer Rückkehrvom Forsthaus."Roland gibt Ihnen Recht?"Sein Verstand muß, mag sein Herz wollen oder nicht."So will es nicht?" drang Seraphim in ihn ein, undes war, als ob eine heimliche Hoffnung, ein halber Jubeltonaus ihrer letzten Frage klänge.Sein Herz ist, wiedas Ihre, ein echtes Vollblut-Künstlerherz. Es weißnicht, was es will. Es träumt heute von Ihnen, morgenvon Armgard. Aber unsanft wird es aus diesem Traumeerwachen, sobald es eine Verbindung geschlossen hat, beiwelcher die eherne Stimme des Verstandes nicht gehörtworden ist."Ich weiß genug und bitte Sie, micheinige Augenblicke zu entschuldigen." Mit diesen Wortenerhob sich Seraphine langsam und zog sich in ihr Schlaf-zimmer zurück. Graf Wallenberg blieb allein; ein nichtunzufriedenes Lächeln spielte um den feinen, geschlossenenMund. Theseus glaubte vielleicht den Gürtel der Ama-zone schon in der Hand zu haben? Gemach, gemach!

In dem dunkelsten Winkel des Schlafzimmers standein Betstuhl, darüber eine kleine, marmorne Bildsäule derJungfrau mit dem Kinde. Vor ihr warf sich Seraphinenieder, zu einem Gebet ohne Worte:Madonna, Mutter-Gottes, gebenedeite Schutzpatronin, siehe, ich komme zuDir, nicht im hohlen Gaukelspiel einer Opern-Preghiera,nein, Madonna, in heiligem, heißem Ernst. Steh mir beizu dem großen Opfer, das ich bringe. Mein blutendes