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Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
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bloß äußerlich Vortheilhast für unseren Freund, sondernauch ein tieferes, dauerndes Glück in seinem Leben. Ichdenke dabei gar nicht einmal an ihren Reichthum, viel-mehr an die innere Wahlverwandtschaft der beiden ver-schiedenen Naturen. Sie ist ein kluges, seines Weltkind,mit gerade so viel Phantasie als nöthig, um einenKünstler zu verstehen, zu fesseln. Sein Wesen, durchausaus die ideale Seite des Lebens gerichtet, verlangt zurErgänzung einigen gesunden Realismus. Nicht bloß inder Staatskunst, auch in der Ehe gilt die Lehre von derheilsamen Vereinigung ungleichartiger Größen. SeraphimLomond und Roland, die gefeierte Prima-Donna und derberühmte Maler, sind ein herrliches Geschwisterpaar. Alssolches haben Beide Jahre lang in den reinsten und edelstenBeziehungen zu einander gestanden. Die plötzliche Ueber-setzung dieser idealen Beziehungen in den positiven Ehe-stand wird ein gewagter Versuch. Die natürliche, ja noth-wendige Unstätigkeit jeder Künstlerlaufbahn widerstrebtder Verschlingung zweier in eine. Atelier und Bühnevertragen sich nicht. Der Maler braucht eine Hausfrau,welche die Sängerin nicht sein kann; die Sängerin einenHausherrn, der im Maler nicht steckt, im Künstler über-haupt nicht. Wäre die Ehe nichts weiter, als ein freiesBündniß der Herzen, so gäbe es keine schönere, höher ge-stimmte, als eine Ehe zwischen zwei Künstlern. Aber sieist mehr als das oder weniger ; sie ist, trocken gesagt, einGesellschafts-Vertrag mit höchst ernsten, äußerlichen, pro-saischen Voraussetzungen, über welche keine Poesie deSGemüths hinweghilft. Dies meine Theorie, theuersteFreundin, nicht kurz und vielleicht auch in Ihrem hoch-

Dingelftedt's Werke. VI. 11