Buch 
Aus meinem Bühnenleben : Erinnerungen / von Karoline Bauer ; herausgegeben von Arnold Wellmer
Entstehung
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Meine später so geliebte »Donna Diana« lernte ich inder anmuthigen Mad. Miedke aus Stuttgart kennen.

Nach dem lyrischen Tenoristen Löhle als Joseph in Me-huls »Jacob und seine Söhne«, gastirte in Karlsruhe der be-rühmteste Heldentenor seiner Zeit: Franz Wild. Ich hörte ihnals Max im »Freischütz«. Eine mächtige Stimme voll edlemgeläuterten Metall und seelischer Wärme, unwiderstehlich mitsich fortreißend.

Noch berühmter aber, als durch seine Prachtstimme, warFranz Wild dadurch, daß er grade damals der Gegenstand sehrernsthafter diplomatischer Verhandlungen zwischen Wien undDarmstadt war.

Seit 1813 als erster Tenor an der Wiener Hosoper nochauf Jahre engagirt, hatte der Sänger auf einer glänzendenGastreise nach Berlin und durch Deutschland den goldnenLockungen des opernenthusiastischen Großherzogs von Darm-stadt nicht widerstehen können, der sich darin gefiel, sein eigenererster Hofkapellmeister zu sein und in allen Opernproben stun-denlang taktirend am Dirigentenpult zu stehen. Wild blieb1817 als Kammersänger in Darmstadt. Umsonst rief, lockte,drohte Wien. Der Großherzog griff noch tiefer in seine KasseUnd der dankbare Flüchtling fuhr fort, seinen fürstlichen Ka-pellmeister und die guten Darmstädter durch das Metall seinerStimme zu enthnsiasmiren. Jetzt nahmen die Wiener Diplo-maten diese hochwichtige Angelegenheit in die Hand. Die Fe-dern schwirrten. Fürst Metternich diktirte die fulminantestenDrohnoten gegen Darmstadt und verlangte die Auslieferungdes liederreichen Deserteurs .. . Darmstadt antwortete seinhöflichstes Nein und behielt seinen Wild. Auch die Interventiondes jungen Frankfurter Bundes hatte keinen andern Er-folg. Schon sprach man von einem onsug dolti und vorn Ein-rücken der Exekutions-Bundestruppen in Darmstadt, den herr-lichen Sänger zu erobern . . . zum Glück mahnten lustigeStimmen an den Fluch der Lächerlichkeit. Und Franz Wild