Buch 
Aus meinem Bühnenleben : Erinnerungen / von Karoline Bauer ; herausgegeben von Arnold Wellmer
Entstehung
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kann, gleich einen: Diadem um den Kopf gewunden. Auf meineunverhohlene Bewunderung sagte sie: »Und doch ist mir dieHaarfülle eine große Last und macht mir oft Kopfschmerzen, sodaß ich die Flechten lösen muß!« Nun bat ich sie, sich mirdoch einmal so zu zeigen, und sie ließ, wie ein junges Mäd-chen crröthcnd, die Prachthaare niederfallen. Der schönsteGoldschleier, den ich je gesehen, umwallte sie, wie dasSchwesterchen von den sieben Naben in: Walde. Denke Dirdazu: feine Füge, ausdrucksvolle blaue Augen, liebliche,: Mund,herrlichen Hals und Arme, schmale Kinderhändchen, Cendrillon-füße . . . und die deutsche Ninon de Lenclos steht vor Dir,aber eine edle Ninon, mit allen häuslichen Tugenden ge-schmückt!

Madame Schröck spielt das ältere Fach, die Tante imBräutigam aus Mexiko, auch dann und wann Lieblingsrollen,wie die »Eifersüchtige Frau«, von Alexander Wolfs vortrefflichunterstützt. Der poetische Romeo, Fernando, der brillanteDon Ccsar hat sich hier plötzlich und wie durch Zauber inden einfältigsten Pantoffelmann verwandelt. Die Scenedes Nevoltirens, wo er in komischer Verzweiflung ausruft:»Auch ich will einmal Austern essen!« und dabei mit gleichenFüßen den kühnsten Luftsprung vollführt, erregte die unge-heuerste Heiterkeit, aber ich, die ich doch sonst so gern mit-lache, verargte es fast den: Künstler: aus den idealen Schöpfun-gen herausgetreten zu sein, denn die Darstellung streift an diePosse. Die Mutter fühlte gleich mir, rieth aber zll schweigen ...

Du fragst, ob Madame Milder-Hauptmann noch an dieEmmelinc in der »Schweizerfamilie« erinnere, die uns Kinderdamals in Karlsruhe so entzückte bezauberte? Ach, Louis wie ward mir das Herz so weh . . . über das Verblühen undVerblassen und Verwehen des armen Menschenlebens, da dasIdeal unserer frohen Kinderjahre jetzt vor der jungen Kolleginstand: eine Marmorstatue, der es erlaubt worden, sichauf Augenblicke zu beleben! Keine Miene zuckte in dem edel