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kann, gleich einen: Diadem um den Kopf gewunden. Auf meineunverhohlene Bewunderung sagte sie: »Und doch ist mir dieHaarfülle eine große Last und macht mir oft Kopfschmerzen, sodaß ich die Flechten lösen muß!« Nun bat ich sie, sich mirdoch einmal so zu zeigen, — und sie ließ, wie ein junges Mäd-chen crröthcnd, die Prachthaare niederfallen. Der schönsteGoldschleier, den ich je gesehen, umwallte sie, wie dasSchwesterchen von den sieben Naben in: Walde. Denke Dirdazu: feine Füge, ausdrucksvolle blaue Augen, liebliche,: Mund,herrlichen Hals und Arme, schmale Kinderhändchen, Cendrillon-füße . . . und die deutsche Ninon de Lenclos steht vor Dir, —aber eine edle Ninon, mit allen häuslichen Tugenden ge-schmückt!
Madame Schröck spielt das ältere Fach, die Tante imBräutigam aus Mexiko, auch dann und wann Lieblingsrollen,wie die »Eifersüchtige Frau«, von Alexander Wolfs vortrefflichunterstützt. Der poetische Romeo, Fernando, der brillanteDon Ccsar — hat sich hier plötzlich und wie durch Zauber inden — einfältigsten Pantoffelmann verwandelt. Die Scenedes Nevoltirens, wo er in komischer Verzweiflung ausruft:»Auch ich will einmal Austern essen!« — und dabei mit gleichenFüßen den kühnsten Luftsprung vollführt, erregte die unge-heuerste Heiterkeit, — aber ich, die ich doch sonst so gern mit-lache, verargte es fast den: Künstler: aus den idealen Schöpfun-gen herausgetreten zu sein, denn die Darstellung streift an diePosse. Die Mutter fühlte gleich mir, rieth aber zll schweigen ...
Du fragst, ob Madame Milder-Hauptmann noch an dieEmmelinc in der »Schweizerfamilie« erinnere, die uns Kinderdamals in Karlsruhe so entzückte — bezauberte? — Ach, Louis— wie ward mir das Herz so weh . . . über das Verblühen undVerblassen und Verwehen des armen Menschenlebens, da dasIdeal unserer frohen Kinderjahre jetzt vor der jungen Kolleginstand: — — eine Marmorstatue, der es erlaubt worden, sichauf Augenblicke zu beleben! Keine Miene zuckte in dem edel