Mehrbändiges Buch 
Patriotische Phantasien / von Justus Mösre ; Herausgegeben von seiner Tochter J. W. J. v. Voigt, geb. Möser
Entstehung
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V.

Die Spinnstiibe,eine Oßnabrückische Geschichte.

Gelinde, wir wollen sie nur so nennen, ihr Taufna-me war sonst Gertraud, war die älteste Tochter redli-cher Eltern, und von Jugend auf dazu gewöhnt wor-den, das Nöthige und Nützliche allein schön und an-genehm zu finden. Man erlaubte ihr jedoch, so vielmöglich, alles Nothwendige in seiner größten Vollkom-menheit zu haben. Ihr Vater, ein Mann von vielerErfahrung, hatte sie in Ansehung der Bücher aus ähn-liche Grundsätze eingeschränkt. Die Wissenschaften,sagte er oft, gehören zum Ueppigen der Seele; und inHaushaltungen oder Staaten, wo man noch mit demNothwendigen genug zu thun hat, muß man die Kräfteder Seelen besser nützen. Selinde selbst schien vonder Natur nach gleichen Regeln gebauet zu seyn, undalles Nothwendige in der größten Vollkommenheit zubesitzen.

Die ganze Hanshaltung bestand eben so. Wo dieMutter von einer bessern Art Kühe oder Hühner hörte;da ruhete sie nicht eher, als bis sie daran kam.

Man fand das schönste Gartengewächs nur beyBefinden. Ihre Rüben giengen den märkischen weit ^vor; und der Bischof hatte keine andere Butter aufseiner Tafel, als die von ihrer Hand gemacht war.Was man von ihrer Kleidung sehen konnte, wär kla-res oder dichtes Linnen, ungestickt und unbesetzt; je-doch so nett von ihr gesäumt, das man in jedem Sti-^ che eine Grazie versteckt zu seyn glaubte. Das einzi-ge, was man an ihr überflüßiges bemerkte, war ein

Heide-