Mehrbändiges Buch 
Patriotische Phantasien / von Justus Mösre ; Herausgegeben von seiner Tochter J. W. J. v. Voigt, geb. Möser
Entstehung
JPEG-Download
 

An einen jungen Dichter. 91

angebornen Rechte durch neue Verdienste aufrecht zuerhalten. Gleichwohl wird von den Süßigkeiten dersel»-en nur wenig gesungen, und unsre mehrsten Dichterscheinen sich eine Freude daraus zu machen, den Ge»nuß der Ehre, so viel sie können, herab zu setzen.

Keiner schildert mehr das Vergnügen, viele Reich»thümer zu besitzen und seine Schatze zu überrechnen.Und-doch sollte dieses zu unsern Zeiten, worin mandie Verschwendung so sehr liebt, vorzüglich reitzcndgemahlet werben. Die Dichter sollten es sich zur Haupt»Pflicht machen, von nichts als dem Glücke zu singek,ein großes unverschuldetes Eigenthum zu besitzen. Aberso denken sie, zu dieser unedlen Empfindung sinkt derMensch von selbst herab, und es ist nicht nöthig, ihmeine edle Hülfe zu geben; gleich als wenn Liebe undWein minder lockten. Nur selten preisen sie noch dasGlück eines freien Mannes, der von seinem Stamm»guthe weder Zinsen zu zahlen noch Ritterdienste zuleisten hat, was uns Horaz so schön besingt.

Freilich kann es auch die Politik erfordern, dieLiebe als das größte Glück zu schildern, und der Ehreoder den Reichthümern nur den untersten Platz anzu»weisen. Dieses war der Fall der Griechen, welche dieGleichheit unter ihren Bürgern erhalten, und so wenigdie Ehrbegierde, als die Sucht nach Reichthümernvermehren, sondern Helden durch Kränze, von schönenHanden gewunden, ziehen wollten. Aber was hier derPatriotismus, erforderte, das fordert er in unsern Ver»fassungen nicht; und der Dichter, der bei uns vonLiebe und Wein singt, arbeitet nicht nach einem sogroßen Ziele. Wenn aber die Größe der Wirkung denWerth der Handlung entscheidet: so hat die fcinigebei weitem den Werth nicht, den sie bet den Griechenhatte.