Einleitung
Kein Boden Europa's war Zeuge so mannigfacher und tief-greifender Wandelungen wie der italische. Auch die größte Verän-derung, welche die geschichtliche Menschheit erlitten hat, die Auflösungder antiken Weltherrschaft und das Emporwachsen einer neuen, ausdas Blut Christi gegründeten, mußte vorzugsweise Italien in Gährungund Sturm durchleben. Damals war es berufen, die Brücke zwischendem Alterthum und der christlichen Zeit zu bilden. Für diese be-wahrte es das Palladium der Zukunft, den Stein, auf welchem dieKirche gegründet war; vom Alterthum barg es mannigfache Neste,ein größeres Vermächtnis;, als der erste Anschein uns wohl glaubenmacht. Wenn irgendwo der antike Geist wieder aufleben und in diePoren der neuen Organismen eindringen konnte, so mußte es inItalien sein.
Italien hat das Idiom, in welchem die alten Römer ihre Ge-danken niederschrieben, trotz aller Völkermischungen am reinsten undtreusten bewahrt. Mehr als irgendwo sonst blieb die weltbürgerlicheSprache von Latinm hier, im Brennpunkte des kirchlichen und ge-bildeten Lebens, die Sprache des Geschäftstreibens, der Gelehrsamkeit,der Gottesverehrung. Ferner weiß man, daß die erste und letzte undneben der Völkerherrschast die riesigste Schöpfung der alten Römer,ihr Recht und ihre Rechtswissenschaft, in Italien niemals außerGeltung kam, fristete sie gleich zu Zeiten ihr Dasein kümmerlich ge-nug in den Schreibstuben der Notare. Dieses Römerrecht hat all-mählig und unbeachtet, wie sich das Blut der Völker der alten Weltmit dem der neuauftretenden Stämme vermischte, auch die Denkweise
Voigt, Humanismus. 2. Aust. I. 1