Einleitung.
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Verlangen geäußert, sich der Schätze der hellenischen Literatur, derenLob und Verehrung sie doch bei den Römern lasen, bemächtigen zukönnen. Wo ein Funke des humanistischen Geistes schlummerte, sachteder Name Homers ihn zur Flamme an.
Es überwogen doch bei weitem die Momente, welche dem Alter-thum entgegenstanden. Noch kannten der christliche Glaube und dieKirche keine Aussöhnung mit demselben. Im steten Kampfe mit derheidnischen Welt waren sie groß gewachsen, und wenn auch noch sokümmerlich, glimmte doch zu allen Zeiten der Funke des Heidenthnmsunter den Trümmern seiner Tempel fort, es blieb, auch besiegt, mitseinen freien, durch Kunst verschönten Lebensanschaunngen immer nochein furchtbarer Feind. War es doch in den Zeiten des Untergangesselbst manchem ehrwürdigen Lehrer der Kirche, der vorher Sophistoder Rhetor gewesen, wie eine lockende Sirene erschienen. Anderehatten die geistige Mutter, bei deren Nahrung sie aufgewachsen, nichtganz verleugnen wollen: Basilius hatte sie sogar in einer eigenenkleinen Schrift vertheidigt; Gregor von Nazianz, Hieronymus, Augusti-nus wahrten ihr freundliche Gesinnung. Man führt dann wohl denRigorismus Gregors des Großen als Beweis an, wie tief und mitwelcher Verachtung zu seiner Zeit die heidnischen Dichter unter dieFüße getreten seien, aber gerade daß Gregor sich genöthigt glaubte,energisch gegen ihre Lesung anzukämpfen, zeigt uns doch wieder, daßder Sinn dafür und die verführerische Macht dieser Todten keines-weges dahin war. AIcuin verwies dem Trierer Erzbischof seine Liebefür Virgilius, den Lügendichtcr, der ihn den Evangelien entfremde,obwohl sein eigener Geist im Umgänge mit Virgilius und Cicero undanderen Alten einst seine Reife erlangt, h Der Abt Wibald vonKorvey, der von Cicero's Sentenzen und Wortschmuck mächtig ange-zogen wurde und seine Werke sammelte, verwahrte sich doch ängstlichvor dem Gedanken, mehr als Ciceronianer wie als Christ zu er-scheinen, und versicherte, daß er sich bei solchen Studien nur wie einenSpäher im feindlichen Lager ansehe.*) Selbst als der Kampf mitden Resten des Heidenthnms wirklich in den Hintergrund trat, alsdas Ringen der römischen Bischöfe mit der Kaisergewalt die Ge-
>) Lpistt. 216. 243 in den Llonuw. ülcuiniana «<!<!. IVattenbaok ervüminler. Dazu Vita Ü.Ieduini K 10.
2) Schreiben des Propstes Rainald von Hildesheim an Wibald und dessenAntwort in den Llonnrn. Lorbsisnsia eci. lalle M. 207. 208.