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Einleitung.
chem anderen zeigen Form oder Gedanke oder doch Entlehnungen,daß sie der Lectüre der Alten nicht fremd gewesen. Bekannt ist derEifer, mit dem Ratherius von Verona und Gerbert auch antikeBücher, selbst Dichter wie Plautus und Terentius, Persius und Ju-venalis gesammelt und gelesen. Welchen Reichthum von Kenntnissenaus der klassischen Literatur hat Johannes von Salisbury gesammelt!Auch sucht er Ovidius in seinen Versen, Cicero in der Prosa nach-zubilden und forscht bei Quintilianus nach den Regeln der Beredt-samkeit?) Die Epiker können ihre Muster nicht anderswo suchenwie bei dem verehrten Virgilius, oder bei Lucanus und Claudianus.Sie Pflegen sich daher dem Alterthum völlig hinzugeben, ein Gautiervon Chatillon selbst den Göttern und dem Fatum, als wäre er nichtunter Christen ausgewachsen?)
Man hat auch aus die Lieder der Vaganten und Goliarden hin-gewiesen und sie als Vorläufer der Humanisten bezeichnet, weil siekeck die Welt und die Fleischeslust preisen, beiläufig die alten Heiden-götter erscheinen lassen und die Zwangsanstalten der Schule undKirche verhöhnen?) Aber in diesen unstäten und losgebundenenNaturen pulsirt doch nur die Lebenslust und Sinnlichkeit der Jugend,und die wenigen Schulerinnerungen zeigen noch keine Befreundung mitdem Alterthum. Von einem solchen Treiben geht eine dauernde undin die Ferne wirkende Kraft nicht aus.
Was haben denn die Humanisten, als sie an der Arbeit waren,solchen Dichtern, Geschichtschreibern und Gelehrten, wie wir sie ge-nannt, zu verdanken gefunden? Sie haben niemals Vorgänger inihnen gesehen. Nicht eine Summe antiquarischer Kenntnisse giebtden AuSschlag, sondern die Lebensanschauung, die Hingebung an diealte Welt, das sehnsüchtige Streben, sie wieder in die Gegenwart zuführen und mit aller Kraft des Geistes zu umfassen. Um hier nureins zu betonen: keiner von allen jenen Männern, weder Rather nochGerbert, weder Abailard noch Johann von Salisbury hat Griechischverstanden, ja keiner hat, was viel lauter noch spricht, jemals das
y Schaarschmidt Johannes Saresberiensis, Leipz. 1862, S. 82 ff-, wo seineKenntnisse im einzelnen nachgewiesen weiden.
2) S. Pannenborg über den Ligurinus — in den Forschungen zur deut-schen Geschichte Bd. XI.. Gött., 1871.
Zuerst Burckhardt Bd. 1. S. 221. 215, dann Lartoli I prseursori ästrinaseiinsirto, Ursirro 1877.