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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
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Hunderte lang haben sie treu das von ihren Vorgängern erworbeneGut aufbewahrt und geschützt, auch durch Abschriften vervielfältigt.Aber ihr Beruf war es niemals, Geist und Herz haben sie dieserArbeit nicht gewidmet. Das Bücherabschreiben war gemeinhin nurein dürres Handwerk, von der Ordensregel bald geboten, um durchfriedliche Beschäftigung die rohe Sitte zu brechen, um die Mußeschwächlicher Brüder zu füllen oder um dem Kloster einen Erwerbzuzuwenden, bald nur gestattet, in andern Fällen auch wieder ver-boten. Wurden dann in den berühmten Häusern der Benediktinerzu Monte Cassino, Clunh, St. Gallen oder Fulda neben den theo-logischen, Meß- und Gebetbüchern auch einmal klassische Werke copirt,so geschah es nach dem Gebote des Abtes oder es war vielleicht auchdie spielende Liebhaberei des Bruders selbst. Immer aber blieb esbei dem todten Buchstaben. Oft auch, während der vornehme Abtmit dem Falken aus der Hand durch die Felder strich, zu Turnierenund Hofsesten zog oder beim schlemmerischen Mahle den Possenreißernzuschaute, während die Brüder umherschlenderten oder ein müßigesGespräch durch Wein belebten, verstaubten und verrotteten die Bücherin der dunkelsten und feuchtesten Zelle, ausgenommen vielleicht dieUrbarien, auf denen die Einkünfte und Nutzbarkeiten des Klostersberuhten, die Altar- und Gebetbücher. Da ist im Lause der Jahr-hunderte von klassischen Autoren vielleicht ebensoviel zu Grunde ge-gangen und für ewig verloren, als auf der anderen Seite gerettetworden. Sie waren aus Gastfreundschaft gewiesen, ein Heimathsrechthatte man ihnen nie gegönnt.

Dasselbe Dasein, welches die klassischen Bücher in den Klösternführten, lebte ihr Inhalt in den Geistern. So lange die Bildungüberhaupt und der Unterricht insbesondere ausschließlich in geistlichenHänden war, wurde die antike Literatur mit stiefmütterlicher Launebehandelt. Daher ist der scheinbare Aufschwung im karolingischen Zeit-alter und sein Nachhall im ottonischen ohne Wirkung geblieben wie dieBerührungen mit Byzanz, dem Archive des Hellenismus, die hin undwieder im Abendlande flüchtige Moden erzeugten. Es fehlte die Con-tinuität des Strebens, es fehlte das Zusammenwirken der Strebenden.Die meisten hatten keinen andern Begriff, als daß die lateinische Spracheeine Vorschule für den Klerus sei. Man lernte sie aus Donatus undseinen barbarischen Nachfolgern, man las einzelne Schriften Cicero'soder einen Dichter dazu, um Beispiele für die Regeln der Grammatik