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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
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Einleitung.

zu finden. Ein armseligeres Fortleben der römischen Autoren ist kaumzu denken, als wie sie damals zur propädeutischen Ausbildung der Kle-riker oder als mattherzige Nebenbeschäftigung dienten. Und es gingihnen nicht besser, wenn sie aus dem Kloster in die Klosterschule unddann in die Hochschule verpflanzt wurden. Auch hier dienten sie dengroßen Facultätswissenschaften; ein selbstständiges Leben haben sie selbstbei den Geistern ersten Ranges, bei einem Abailard und Johannes vonSalisbury nicht erlangt. Notizen aus dem Alterthum halfen höchstensdie Lücken eines theologischen oder philosophischen Systems verstopfen,gleichwie man die Marmorsäulen alter Tempel und Paläste ohneSchaam zu gemeinem bürgerlichem Gebrauche verwendete.

Wir wiederholen nicht das alte Lied von der Urtheils-, Kritik-und Geschmacklosigkeit der mittelalterlichen Zeiten. So gedankenloses oft nachgesungen worden, so bleibt unleugbar, daß der geistigeund zumal der ästhetische Erwerb des Alterthums Jahrhunderte langso gut wie verloren war. Nur einige minder beachtete Erscheinungenwünschten wir hier hervorzuheben, weil sie die verzehrende Dictaturder Kirche am schlagendsten beweisen und weil wir in den folgendenAbschnitten gerade diese Gesichtspunkte festzuhalten gedenken.

Die herrschende Kirche duldet den individuellen Menschen nicht.Alles soll zum fügsamen Gliede in der Kette ihrer Systematik werdenund sich dem Gesetze ihrer Institutionen unterordnen.. Sie kennt keinbesonderes Geisteseigenthnm, und in diesem Sinne ist sie auch mitder klassischen Literatur verfahren. Darum wurden die Werke der-selben nach Belieben verkürzt und erweitert, verchristlicht und ver-stümmelt, darum ohne Absicht einer Fälschung angesehene Autoren-namen zu modernen Machwerken mißbraucht. Es ist bekannt, wiezum Beispiel Donatns ein Collectivbegriff für jede Grammatik, Ser-vius für jeden Commentar zum Virgilius wurde. Die Kraft, diesolchem Bestreben entgegentritt, ist die Kritik: in ihr setzt sich derEinzelne, aus den ihm eigenthümlichen Geist vertrauend, der zwin-genden Autorität gegenüber.

Die Kirche ruhte ferner selbst auf einer Fülle sehr verschieden-artiger Autoritäten und die kirchliche Wissenschaft hatte den Beruf,ihre Widersprüche auszugleichen und das Lehrgebäude nach bestimm-ten Tendenzen abzurunden. Um keine dieser Autoritäten zu unter-graben, hielt sie alle in gleicher Achtung. Solche Behandlung mußtensich auch die Klassiker gefallen lassen. Die philosophische Moral des