Einleitung.
11
Aristoteles durste der kirchlichen nicht widersprechen; Cicero, Seneeaund Boetius wurden betrachtet, als ständen ihre Schriften in gleichemRange neben einander; Florus, Eutropius und Valerius Maximusgalten dasselbe wie Sallustins und Livius; neben Virgilius, Statius,Lucanus, Juvenalis und Persius behaupteten sich in demselben An-sehen Dichtwerke eines Marbod von Rennes, Alauns ab Insults undJohannes von Salisbury. Eine Scheidung zwischen solchen Autori-täten erforderte gleichfalls die Kraft der Kritik, mehr aber noch einsich bildendes Gefühl für die edlere Form und den tieferen Gehalt.Der Geschmack aber, den die Kirche nicht duldete, war wiederumSache des Einzelnen.
Um dieser individuellen Kraft Spielraum zu schaffen, mußte dieneue Wissenschaft, die das Erbe der klassischen Nationen antrat, dasKloster, die geistliche Zucht und die zünftigen Universitäten verlassen.Ihre Jünger mußten Kutte und Meßgewand von sich werfen undsich als Söhne des alten Rom gleichsam in Tunica und Toga kleiden.Ein neuer Stand mußte in die Gesellschaft treten mit einer neuenund selbständigen Bildung, bald neben die Kirche, bald feindlichihr gegenübergestellt, immer aber wesentlich von ihr gesondert. Undnur in Italien konnte das geschehen, wo man noch etwas vom Bluteder Alten in den Adern fühlte, wo der Boden noch klassische Denk-mäler trug und die Erinnerung an die vergangene Größe sich mitdem patriotischen Stolze vermählte. Bei den Klerikern und Mönchendes gallischen, britischen und deutschen Nordens blieben die antikenStudien eine Sache der Erudition, hin und wieder des stilistischenPrunkes. In Italien werden sie eine Sache des Herzens und derBegeisterung, gehen sie in Fleisch und Blut über.
Wer der Entwickelung des neueren Italien nachspürt, in welcherRichtung es auch sei, kann bei Dante Alighieri nicht achtlos vor-übergehen. Den Restauratoren des klassischen Alterthums können wirihn freilich nicht beizählen. Seine Bildung beruht noch ganz aufden Disciplinen des Triviums und Quadriviums, seine Leitsternesind die Bibel und „der Philosoph", in zweiter Reihe stehen ihmabwechselnd Augustinns und Thomas von Aquino, Boetius und Cicero.Er steht durchaus auf dem Boden der kirchlichen Lehre und ihresAusbaues durch die Scholastiker und kann sich mit freudigem Ernst