Einleitung.
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Wohlklang ihrer Verse und dem Formenreiz ihres poetischen Stils,so war es doch schon bedeutsam, daß er Dichterwort neben die her-gebrachten Autoritäten zu stellen und zu seinen Kunstschlüssen zu ver-wenden wagte. Eine Fülle von Beweisen dafür hat man weniger in.seinem großen Gedichte als in seinen prosaischen Werken zu suchen.Aber auch in jenem ist bemerkenswerth, wie er heidnische und christ-liche Materien, alte und moderne Geschichte, hellenischen Mythus undkirchliche Anschauungen neben einander hergehen laßt. Er führte dasAlterthum, wenn auch nur notizenweise und zerstreut in die tuscischePoesie ein, gleichwie sein Zeitgenosse Brunetto Latini zuerst römischeAutoren, den Ovidius und Boetius und einige Reden Cicero's indie Vulgärsprache übersetzte, sich mit Aussprüchen Cicero's erfüllteund so für einen großen Meister der Rhetorik galt?) Einen Autorwie Livius las Dante mit Gefühl: hier erschloß sich ihm der Begriffjener patriotischen Tugend, in deren Lichte die Thaten des alten Romschimmern; davon zeugt das zweite Buch seines Werkes über dieMonarchie.
Dante hat es wohl erkannt, daß die lateinische Sprache derVolkssprache, die noch nicht Norm und Ausbildung erhalten hatte,an Adel und Schönheit überlegen sei.*) Auch begann er seine Gött-liche Komödie in lateinischen Hexametern: Ultimo, roxim cmnom sto.Wenn er trotzdem in der Folge zur erlauchten Mundart des Volgaregriff, so lag der Grund wohl schwerlich in dem stolzen Gedanken,den der Dichter einmal geäußert haben soll: er sehe, wie die großenDichter der Alten von den Menschen seines Zeitalters nicht verstan-den und gering geachtet würden; deshalb habe er die klassische Lyrabei Seite gelegt und eine andere bereitet, die für diese modernenMenschen passe, denn dem Säugling biete man vergebens feste Speisean.*) Dagegen hat ihn gewiß ein anderer nicht minder stolzer Ge-danke gereizt: er wollte gerade die mißachtete Vulgärsprache, indem
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2) Oonvito tr. I. ep. 5.
b) Nach der bekannten Erzählung des Mönches Jlario, die er in einem Briefean Uguccio da Faggiola mittheilt, b. Nolrus Vita ^.inbr. Iravors. p 321. Sieliegt offenbar auch der vielfach nachgesprochenen Ansicht Boccaccio's (Ooinento sopraIs Dommedia di Dante. Opore vol. IV. Dirvn/v, 1724. p. 17) zu Grunde, nurdaß dieser sie ein wenig seinem Gedankenkreise angepaßt hat.