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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
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' I. Petrarca und Cicero.

sah, und obwohl er mit verächtlicher Laune von Cardinal Alberti,dem nachmaligen Papste Jnnocenz VI. spricht, der ihn einen Zaubereroder Nekromanten genannt, weil er jenen Dichter studire.') In ju-gendlichen Jahren schrieb sich Petrarca mit eigener Hand seinen Vir-gilius nebst den Commentaren des Servius. Das ist das Buch,welches ihn, als das . seinem Herzen theuerste, durch das Leben ge-leitete, abgesehen von einem Decennium, während dessen es ihm ge-stohlen war wohl dasselbe Buch, das seine Thränen den Flammenentrissen. Er zeichnete darin den Tag des Diebstahls und den desWiederfindens auf, die Todestage seines Sohnes, seines Sokratesund anderer Freunde, seiner Laura; noch als Greis machte er darinZusätze zum Servius oder widerlegte ihn.*) An Virgilius selbst,seinem Charakter hat er nie die mindeste Aussetzung zu machen ge-wagt, er war sein erkorener Heiliger.

Cicero war bisher ein geachteter Name gewesen, aber vor ihm,darf Petrarca sagen, hätten nur sehr wenige seine Werke studirt, erhabe zuerst seine Verehrung in Schwung gebracht. Was anderetrocken und nüchtern Hinreden, das hat Cicero geistreich und blühendgesagt; zum Nutzen kommt die Ergötzung und zur Majestät des In-halts der Glanz und die Würde der Worte.*) Er ist die strahlendeSonne der Eloquenz, neben der selbst Sallustius, Livius und Senecaerbleichen.O erster Schöpfer der römischen Wohlredenheit ruftPetrarca aus nicht nur ich, sondern wir alle danken dir, die wiruns mit den Blumen der lateinischen Sprache schmücken. Denn mitdeinem Quell wässern wir unsere Gefilde. Gern bekennen wir, daßwir, von dir geleitet, durch dein Vorbild aus den Weg gewiesen,durch dein Licht erleuchtet, gleichsam unter deinen Auspicien zuunserer Kunst des Schreibens gekommen sind, wie gering sie auchsei." *)

Wohl hat sich Petrarca erlaubt, an Cicero's politischem undmenschlichem Charakter ein wenig zu kritteln, da ja auch Augustinus

i) Petrarca spist. rsr. kawil. IX, 5. XIII, 6; senil. I, 3.

") Das erste Zeugniß für den ambrosianischen Virgilius ist der Brief Decem-brio's an Caselli von 1468 bei Laxins p. 294. 377 und bei LaläsIIi Petrarca,p. 178. seg. In der Jnscription Petrarca's ist statt in wohl III zu lesen.

3) Petrarca äs vita solitaria Inb. II. sset. VIII cp. 2; cl. praskat. in Lpistt.tannl.. Vracasssttl vol. I p. 16. 21 ssg.

r) Brief an Cicero v. 19. Dec. 1345 in den Lpist. rer. kamil. XXIV, 4.