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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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I. Petrarca und Virgilius.

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Diese Liebhaberei für das Musikalische der lateinischen Spracheund des antiken Verses wuchs unter einem äußeren Drucke desto leben-diger hervor. Petrarca ward vock seinem Vater für das Brodstudiumder Rechte bestimmt und sieben Jahre lang auf den Hochschulen zuMontpellier und Bologna mit Strenge dazu angehalten. Die SchriftenCicero's und der römischen Dichter wurden nun eine verbotene Frucht,um deren Genuß er oft ausgescholten wurde und die er vor demZorne des Vaters im Versteck hüten mußte. Dennoch als es einsteine Scene zwischen beiden gab, riß der Vater alle die Bücher, dieden schöngeistigen Jüngling von seinen Rechtsstudien abzuhaltenschienen, aus dem Verwahrsam im Bette und unter dem Bette her-vor und übergab sie vor seinen Augen dem Feuer. Erst als er sah,wie Francesco bitterlich weinte und gleich einem Ketzer dastand, derselbst dem Flammentode geweiht ist, rettete er noch einen Virgiliusund eine rhetorische Schrift Cicero's vor dem Untergänge: nimm jenen,sprach er lächelnd, zu einer seltenen Erholung des Geistes, diese zumBeistand in den Rechtsstudien! Was half es? der Genius brach sichdoch seine eigene Bahn, warf das bürgerliche Recht bei Seite undeilte mit weiten Flügeln den Höhen des Parnasses zu.') Virgiliusund Cicero sie waren gerade die beiden hellen Punkte, die zuerstwieder aus dem Nebel des Alterthums aufstrahlten. Von ihnen aus-gehend, erschloß sich Petrarca die neue Welt voll Schönheit undwunderbarer Weisheit. Sie sind ihm die beiden Väter der römischenEloquenz, die Augen der lateinischen Sprache.^) Den Virgilius hatdas ganze Mittelalter in Ehren gehalten, aber bald wie einen un-heimlichen Wahrsager und Schwarzkünstler, dessen man sich zu spuk-haften Dingen bedienen könne und bei dessen Grabmal an der ViaPuteolana der Eingeborene mit einem gewissen Grausen vorüberging,bald wie einen halben Heiligen. Ein Gelehrter, wie Johann vonSalisbury schrieb ihm einen göttlichen Tiefsinn zu, weil er unterdem Bilde der Fabel philosophische Wahrheiten lehre.') Dante wid-mete ihm eine mystische Verehrung. Auch Petrarca hat sich vondieser Anschauung niemals ganz losgemacht, obwohl er in Virgiliuszugleich den erfindungsreichen, formvollendeten und melodischen Sänger

y Petrarca opikt. rsr. 8enil. XV, I.

2 ) Petrarca 11er. wemoraircl. 14b. II. (tipp. p.401); 1'rionko ctoila Paruacpt. III, 10 e Sex.

Dchaarschiiiidt S. V7.