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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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I. Petrarco's Begriff von der Poesie.

gefolgt, immer noch gegen dieselben Feinde streitend und meist mitgenau denselben Waffen und Argumenten, zunächst in Italien, dannaber länger noch in Deutschland, England, Frankreich, Spanien. DieKirche und die Scholastik haben sich überall gegen den neuen Ein-dringling mit Bitterkeit und Haß gewehrt, ihn aber zuletzt doch auf-nehmen müssen.

Mit hohem Stolze nannte sich Petrarca einen Dichter, Poeta;zwischen einemGedicht" undReimen" zog er eine scharfe Scheide-linie. Jenes konnte die lateinische Sprache und die antike Formnicht entbehren und auch dem Inhalte nach wurde soviel Alterthumhineingebracht als irgend möglich, Nachbildungen altrömischer Dich-tung und unmittelbare Reminiscenzen aus ihr. Um so zu dichten,mußte man tüchtig studirt haben. Die Reime waren ein genialesJongleurspiel mit Wörtern, Bildern und Gefühlen. Die Reime Pe-trarca's sind nie verklungen, noch nach Jahrhunderten haben Tausendeihnen mit Entzücken gelauscht; die Gedichte durchblättert nur nochhin und wieder der Gelehrte, nicht um des Genusses willen, den erleichter und reiner am Borne des Alterthums selber schöpft, sondernwegen der Notizen, die darin verstreut sind, und um sich eine An-schauung zu bilden, die den Dichter selbst gewiß wenig erbauen würde.Denn sein dichterischer Genius kommt da, wo er sich an das Vor-bild seines Virgilius anschließt, in den Bukoliken und gar im Epos,wenig zum Vorschein. Nur in einzelnen der poetischen Briefe, indenen er sich selbst und die Erlebnisse seines Herzens schildert,den Ton und Schwung des Canzoniere auch in die lateinischen Hexa-meter haucht, wo die Lyrik zur vollen Herrschaft kommt, leuchtet dasAuge der Muse durch.') Die Gedichte aber waren damals das neueund unerhörte Verdienst, die Brücke, die zu den herrlichen Schöp-fungen des Alterthums führte, und an sich Schöpfungen, in denenPetrarca einzig dastand, durch welche er den Lorbeer auf dem Ca-pital verdiente. Er selbst hat sich über die Ehre, welche die Weltdem Dichter schuldet, oft und feierlich genug ausgesprochen.DieDichter strahlen im Ruhme, in ihrem Namen und in der Unsterblich-keit, die sie nicht nur sich selbst, sondern auch andern erwerben; denn ihnenist es vor andern gegeben, der Vergessenheit der Namen vorzubeugen."')

>) So vor ollem in der spist. inotr. I, 7, dem Gedichte eis «tötn sno, für doser sich selbst im OioloAus III. äs eontewptu umnäi so reiches Lob spendet.

2) lob. I. Invsotivornm eontro, meäionm qnsnäom (Opp. p. 1205).