I. Petrarca's Begriff von der Poesie.
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Bei dem hohen Range, den er für den Dichter beansprucht, istes merkwürdig, daß Petrarca über die Dichtkunst den engherzigenBegriff beibehielt, den die Virgilius-Verehrung früherer Jahrhun-derte mit einem mystischen Christenthum zusammen erzeugt hatte.Auch er nämlich setzt das Wesen der Dichtkunst in die Allegorie undihren Endzweck in die Moral. Diese Vorstellung ist bereits den Aus-läufern der heidnischen Poesie der Römer eigen und den christlichenDichtern seit Prudentius geläufigSo ist sie auch im Mittelalternie ganz erstürben. In Italien aber scheint erst Brunetto Latini dieAnwendung der Allegorie im großen Stil eingeführt zu haben. Dantesieht in ihr die Seele der Dichtung'). Aber doch nur für tiefereGeister lag ein Reiz in der Verhüllung und im Geheimniß. Männerwie Mussato und Ferreto von Vicenza sind von ihm ganz unberührtgeblieben: ersterer sieht die Poesie im Glänze der Worte, im classischenund mythologischen Beiwerk, Ferreto im Schmucke des Ausdrucksund im wohlgefälligen Bau der Verse'). Für Petrarca aber lag imneckischen Spiele mit dem poetischen Schleier mehr als bloße Form,es war ihm wirkliches Herzensbedürfniß. Man weiß ja auch vonanderen Dichtern, daß sie ihrer Kunst das Geheimniß vindicirt, undes liegt darin eine dem Dichtergemüth eigene Empfindung, die Scheu,mit demjenigen, was den Busen bewegt, offen an das Licht zu treten.So wurde ihm zumal die Ekloge eine willkommene Form, seine An-griffe gegen das Papstthum von Avignon, seine politischen Meinungen,aber auch Persönliches unter einer zugleich schützenden und dochlockenden Hülle vorzutragen. Auch in anderen Schriften, poetischenwie prosaischen, erscheint seine Person meist wie im Helldunkel, gernmacht er sie geradezu zum Objecte des Räthselspiels, spricht von Er-lebnissen oder Lebensumgebung unter dunklen Bildern und von an-deren Personen fast stets ohne Nennung des Namens.
So befremdet uns nicht, daß Dichtung und allegorische Hüllefür Petrarca auch in der Theorie fast zusammenfallen. Als Hand-
') Vergl. Ebert Geschichte der christliche lateinischen Literatur, Leipzig 1874,S. 271. 277 und sonst.
2) Am klarsten spricht er das Inferno o. IX aus:
Mrats la clottrina eko 8'a,8con(leLotto 'I volams (!«»>> v«r8i 8trani.
Ferreto setzt das in seiner IIi8toria bei Lluratori 8criptt. 1'. IX p. 1018breit auseinander.