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I. Petrarcas Stil.
ungeschickt, die Redeweise bald durch Alterthümeleien verziert undverschroben, bald ohne alle Eleganz, die Tractate seien mit klassischenGemeinplätzen überfüllt, die Briefe weitschweifig und redselig. End-lich hat man, gleichsam aus Mitleid und um den gefeierten Namenzu retten, die Schuld auf die allgemeine Geschmacklosigkeit und Bar-barei des Zeitalters geschoben und Petrarca doch aus Gutmüthigkeiteinen kleinen Antheil an dem Ruhme gegönnt, den seine Nachfolgereingelegt haben. Solche Urtheile hören wir schon seit dem Beginndes 15. Jahrhunderts, seit der reine Ciceronianismus zur Herrschaftdurchzubrechen begann').
Sehen wir aber im Stil den Ausdruck einer Persönlichkeit,messen wir den Werth desselben nicht nach dem ästhetischen Ver-gnügen, das er uns bereitet, sondern nach der Einwirkung, die erund durch ihn die Persönlichkeit selbst auf spätere Geschlechter geübthat, so war in diesem Sinne Petrarca der erste Schriftsteller derneueren Zeit, der überhaupt einen Stil schrieb. Denn er schriebeben frei heraus, wie ein lebhafter und angeregter Mensch spricht,erzählt, conversirt. Während der scholastisch-gebildete Geist wohlge-zähmt und eingeschult am Leitseil der Logik geführt wird, hat Pe-trarca diese Krücken von sich geworfen, das Wort ist bei ihm wiederder unmittelbare Ausdruck der Seele geworden. Er will sich imSchreiben frei bewegen und gehen lassen, er will nicht nur seinemJahrhundert nützen und andere belehren, sondern schreiben, um seinenGeist der drängenden Fülle zu entlasten und zu erheitern, er willnicht Mensch sein und nebenbei Schriftsteller, sondern Schreiben undLeben ist ihm eins'). Alle seine Schriften, zumal seine Briefe,waren zunächst für ihn selbst von Wichtigkeit und Nutzen. Was manals Weitschweifigkeit und Geschwätz bezeichnet hat, ist vielmehr diebehagliche Plapperhastigkeit eines Kindes, das seine Freude nur andem mühsam erlangten Gebrauch der Sprache hat und wie durchJnstinct zu ihrer eifrigen Uebung getrieben wird. Die Fülle der
1) Einige ältere Urtheile der Art werden wir im dritten Buche noch erwähnen.Sie sind in derselben Weise noch in den neueren Literargeschichten nachgebetet wor-den. Vergl. z. B. Birg.do8elii B. V. p. 820, wo die für die Kenntniß jener Zeitbrauchbaren inünits uotiria und die Aufrichtigkeit Petrarca's als Gegengewichtdienen müssen!
2) Lpist. cls red. kuwil. VI, 4. Uraetät. in Lpistt. kawil. p. 25: seribsiulisnim wil>i viveilliigus uuu8 tlnis orit.