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V. Die Ucbersctzu»ge» Bruni's.
tadelte, daß Bruni in der Einleitung zur Ethik auch die Eloquenzdes Aristoteles gelobt, er behauptete, dieser sei garnicht eloquent ge-wesen und habe sich auch nie darum bemüht, es zu sein. Ein ge-lehrter Jurist und namhafter Schriftsteller, Alsonso de S. Mariaaus Cartagena, nachmals Bischof von Buxgos, witterte in der mo-dernen Uebersetzung etwas wie Ketzerei, er wollte die griechisch ge-bliebenen Ausdrücke der alten Version beibehalten und den Text desAristoteles um jeden Preis mit den Forderungen der christlichenMoral in Einklang gebracht wissen; er äußerte auch Argwohn gegendie Richtigkeit der Uebertragung Bruni's, obwohl er weder von dergriechischen Sprache noch von dem, was überhaupt eine Übersetzungzu leisten habe, eine Vorstellung besaß. Doch wurden solche Bemän-gelungen, so bitter sie Bruni kränkten, bald wieder vergessen st.
Viel schwerer wiegt das Urtheil eines modernen Philologen,der Bruni's Politik im einzelnen mit dem Original verglichen. Dafreilich stellt sich heraus, daß auch die Treue der Uebertraguug durch-aus nicht dem Lobe entspricht, das er selbst ihr zu zollen liebte. Ersetzt sich über das einzelne Wort zu Gunsten des Gesammtsinnesmehr hinweg als billig und verfährt dabei oft mit auffallender Lässig-keit. Er erlaubt sich Umschreibungen, hinter denen der Ausdruck desOriginals kaum noch erkennbar ist, oder er zieht den Text auchebenso willkürlich zusammen. Worte, die er nicht recht verstand oderdie ihm Unbequemlichkeit machten, ließ er einfach weg. Kurz erverfuhr als Uebersetzer mit der Freiheit eines Autors st.
In ähnlicher Weise sind die Uebersetzungen auch der späterenHumanisten oft beurtheilt worden, ja regelmäßig, sobald ein neuererGelehrter den Maßstab seiner Sprachkenntniß und seiner Uebersetzungs-theorie an jene Werke legte. Aber wie Bruni, der für die meistenspäteren das Vorbild war, arbeiteten sie mit ganz anderen, Mittelnals die Philologen der Neuzeit, für andere Leser und in andererTendenz. Wie oft mußten sie eine Handschrift zu Grunde legen sogut oder so schlecht, als sie ihnen gerade zu Gebote stand, vielleichtunterstützt durch eine andere, die von befreundeter Seite zu beschaffenwar! Wo gab es denn eine Grammatik, in der man über eine selteneForm oder Construction Auskunft, ein Lexikon, in dem man Trost
') Li-uni vpist. IV, 22. V, 1. VII, 4. 7. IX, 11. X, 24. 26. Vssp-EÄNVOoiiimsiit. äi Unirstti p. 96.
-) 8ussmiiil I. e. p. XXX.