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V. Die Uebetsehmigc» Bruni's.
gefunden hätte? Man konnte einen Griechen fragen, aber die Griechenwaren selbst nicht mehr fest in der Sprache ihrer Klassiker. Wassollte man nun mit einer Lücke, einer unverständlichen Stelle be-ginnen? Jene Männer schrieben ja auch nicht für gelehrte Philologen,die den lateinischen Text als Mittel der Interpretation oder gar derKritik zur Seite gelegt hätten. Sie schrieben für genießende undlernlustige Dilettanten, die nach dem neuen Stosse verlangte, die aufklare, lesbare und geschmückte Form Anspruch machten. Ihnen durfteder griechische Autor nicht in seinen Schwierigkeiten und Dunkelheiten,unbeholfen und verderbt vorgeführt werden; wie ein schmuckes Geschenkan die lateinische Welt, des hellenischen Namens würdig sollte ererscheinen. Das war freilich keine wissenschaftliche Rücksicht, aber eswar das Ziel, dem Bruni und seine Nachfolger ohne Bedenken diephilologische Genauigkeit zum Opfer brachten. Geschah das nur nichtallzu gewissenlos, so war der Autor auf ein solches Verfahren stolzund der Leser dankbar. Insbesondere aber galt es als Verdienst,wenn dem griechischen Philosophen und Geschichtschreiber auch dieKünste der römischen Eloquenz zu Gute kamen, deren Zier maueigentlich auch bei den Originalen voraussetzte. Wurden sie doch„mit der Latinität beschenkt".
Aus diesem Gesichtspunkte muß man die für unser Gefühl selt-same Freiheit betrachten, die sich Bruni in seinen späteren Jahrenerlaubte, indem er Komposition und Uebertragung garnicht mehr son-derte und einem frei bearbeiteten Buche ohne weiteres seinen Namen,nicht den des antiken Autors voransetzte. Schon in der Lebensbe-schreibung Cicero's betrat er diesen Weg. Seine „Commentarienüber griechische Geschichte" widmete er dem Ritter Angelo Acciaiuoliwie ein eigenes Werk, ohne Lenophon zu nennen, dessen Hellenikaer sie im wesentlichen entnommen. Ebenso waren seine Commen-tarien über den ersten panischen Krieg eine Bearbeitung des Poly-bios, obwohl dieser Ursprung in den zahlreichen Abschriften undDrucken, ohne Zweifel auch in Bruni's Widmungsexemplar unbe-achtet blieb. Von einem. Geheimniß oder gar einer Täuschung kannaber nicht die Rede sein; Traversari wußte von der Sachlage schon,als Bruni die Arbeit begannst. Und anders stand es sicher auch
') ^mkros. Iravors. opist. VI, 14 an Barbara: Lsoirrrräns ^rrotinnseoininsntann serikvre <Is >,rimo Kollo kunioo ox I'ol^bio eaepit, opns, nt anäio,e^reglnrn ote.