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V. Humanismus und Mönchthum.
nicht wie andere Christen? Sie wollen mit dieser neumodischen Sitteals eine auserlesene Schaar erscheinen. Sie reden von ihrer aske-tischen Lebensweise wie von Herculesthaten, wie ärmlich ihr magererLeib umhüllt sei, wie oft sie des Nachts ausständen, um zu singenund Gott zu preisen. „Wahrlich ein herrliches, nicht genug zu lo-bendes Ding, nur Singens halber nächtliche Wachen zu halten.Was würden sie wohl sagen, wenn sie als Ackersleute zum Pflugegehen müßten, auch bei Sturm und Regen, oft mit nackten Füßenund mit kaum bedecktem Leibe?" Und trotz der strengen Regel ver-lassen sie ihre Klöster, treiben sich auf den Straßen und Märktenumher, wo Fleisch, Gemüse, Oel und Fische verkauft werden; alslästige Bettler, nicht als demüthig Bittende verlangen sie zudringlichGeld, Schuhe und dergleichen, was sie nicht einmal annehmen sollten.Selbst jeder Arbeit fremd, leben sie vom Schweiße anderer. Dieverschlagensten unter diesen Observanten aber schleichen an der Curieumher, um für ihren Orden Gnaden, Immunitäten und Privilegienauszuwirken, für sich aber Bisthümer und Cardinalshüte. Erlangensie dann solche Würden, so müssen der Papst und ihre Oberen dieSchuld tragen, die haben es ihnen besohlen und ihren Abscheu vorder Ehre überwunden.
Und ihre Predigten, aus deren Verdienst sie sich so viel zu Gutethun, als entrissen sie dadurch die Seelen schaarenweise der Hölle —sie zu hören und zu sehen, könne einen Melancholischen zum Lachenbringen. Seitdem Bernardino mit seinen Bußreden so vielen Beisallgesunden, wolle es ihm jeder unverschämte Dummkopf nachthun.Wie sie sich bald emporschnellen, als wollten sie von der Kanzelspringen, bald wie Wahnsinnige schreien und dann wieder ganz leiseflüstern, bald wüthend mit der Faust auf die Kanzel schlagen, baldlachen, mannigfaltig wie Proteus, oft Assen ähnlicher als Predigern!Sie überlassen sich ganz ihrer ungebildeten Geschwätzigkeit und wennsie einen Zweck verfolgen, so ist es nicht das Heil der kranken Seele,sondern nur der Beisall und die Gunst des dummen Volkes, welchessie zum Lachen bringen und durch diese Abwechselung unterhalten.Die guten Weibchen sind entzückt, ohne zu wissen warum, und lassensich fromme Gaben ablocken. Ost haben sich diese Prediger in be-stimmten Materien festgerannt und briügen sie überall vor, oft donnernsie in so abstrusen Worten, daß weder andere noch sie selbst dasZeug verstehen, oft sind sie so einfältig und langweilig, daß die Zu-