V. Agliotti.
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das wie ein Unrecht an und fügte sich nur mit Murren'). DasGefühl, zu Höherem berufen zu fein und doch vor Armuth dasKloster nicht entbehren zu können, war'in. einem solchen Mönche le-bendig genug. Die weitere Frage, ob ein Kloster den Beruf habe,einen jungen Mann für die heidnischen Studien zu ernähren, stiegihm nicht aus.
In diesem seelischen Zerwürfnisse traf Traversari bei einem Be-such in Arezzo den Novizen und ermuthigte ihn zum Ausharren inseiner bescheidenen Stellung"). Schon sein Anblick, sagt Agliotti,» habe ihn aus den Schlingen des Teufels befreit und bewogen, dasOrdenskleid zu nehmen. In seinem Kloster hatte niemand an seinenklassischen Studien Antheil bezeugt. Hier näherte sich ihm mit auf-munterndem Wohlwollen ein berühmter und einflußreicher Mann, derauch aus Armuth und Niedrigkeit zum General seines Ordens empor-gestiegen war und dieses Ansehen theils seinen Studien, theils seinerHingebung an die observante Richtung verdankte. Der wurde seinVorbild und zugleich der Hoffnungsstern seines Ehrgeizes. Dennwirkliche Religiosität zeigt Agliotti nie, immer nur ein betriebsamesStreben, zu einer möglichst behaglichen und vornehmen Stellungemporzukommen. Mit seinen Zweifeln, ob ein Mönch die Bücherder Heiden lesen dürfe und ob das Studium der Eloquenz für ihnpasse, fand er sich in einer Schrift dahin ab, daß jene dem Mönchenur „zur Erholung des müden Geistes" dienen sollen, daß er abernicht nach Ruhm streben dürfe. Einem Camaldulenser aber, demer das Buch widmete, erklärte er es für unschicklich, daß dieser alsPoeta sein Talent an weltlichem Stoffe geübt, wies ihn aus die solideNahrung der heiligen Schriften und wollte ihm nur allenfalls ge-statten, das . Leben der Heiligen und die Leiden der Märtyrer zu be-singen. Da er selbst kein Dichter war, richtete sich seine Theoriegenau nach den eigenen Neigungen und Fähigkeiten").
Das Leben mit seinen Büchern wehrte ihm niemand im Kloster.
') Aus dem Wcrkchen !)«> kslioi stutu reli^ioni?! woruwtieae (Opp. T. II p. 141).
2) Er erzählt selbst im Hodocporico» von diesem Besuch im December 1431:Ocmsolati sumus Ilisrou^mu miwstrum, Quantum lieuit, atgus nä por8sveraiitiamuirimuviwu8 etc.
3) Oe ksliei statu sto. Da das Werk am 13. Januar 1432 an den Camal-dulenser Gabrielle im Kloster degli Angioli (zu Florenz) gerichtet ist, wurde essichtlich zugleich auf Traversari berechnet.
Voigt, Humanismus. 2. Aufl. II.
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