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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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V. Agliotti.

teinischen Welt zuzuführen und so zugleich der Kirche wie den huma-nen Wissenschaften zu nützen, einigermaßen darüber hinweg. Aberrecht ein typisches Bild solcher Doppelnaturen gewährt uns einerseiner jüngeren Anhänger, der Benedictiner Girolamo Agliotti,der aus dieser Rücksicht schon einer näheren Betrachtung werth ist,wenngleich nur ein Literat zweiten Ranges').

Zu Arezzo, der Heimath so zahlreicher schöner Geister, 1412geborenft, war er als junger Mensch fünf Jahre lang zu Siena aufder Hochschule gewesen, zugleich mit dem an Jahren wesentlich älterenEnea Piccolomini, auch er der Grammatik, Philosophie und Rede-kunst,' aber keiner Fachwissenschaft zugewandtft. Wir erinnern uns,daß damals Mattia Lupi die schönen Wissenschaften in Siena lehrteund daß Beccadelli's Hermaphroditus dort entstand. An heidnischenAnregungen fehlte es also nicht. Weil nun Agliotti arm und vonarmen Verwandten umgeben war, trat er 1430 in das Benedictiner-kloster der heiligen Flora und Lucilla zu Arezzo, ohne indeß bei demmönchischen Leben Befriedigung zu finden. So jung er noch war,mit dem Glauben war er doch bereits fertig. Er beichtet selbst aus-er Zeit, da er nochin Finsterniß wandelte": wenn er das Evan-gelium Christi hörte oder die Briefe des Paulus und die Bücherdes Augustinus las, so wollte er ihren Worten nicht glauben, ja erzweifelte, ob es jemals einen Christus, Paulus und Augustinus ge-geben. Ohne Zweifel gilt auch von ihm selbst und seiner zweitenSeele, was er in poetischer Ziction von einem ihm vertrauten Kloster-bruder erzählt, dender alte Feind" trieb, seinen Geist auszubildenund sich den Humanitätsstudien hinzugeben. Er las die Verse desVirgilius lieber als die Psalmen, zog die eleganten Briefe Cicero'sden schlichten tzes Paulus, Livius und Ouintilianus dem Ezechielvor. Der Gottesdienst fing ihm an langweilig, ja widrig zu werden.Wurde ihm vom Abt ein kirchlicher Dienst aufgetragen, so sah er

>) IIisron mi Vliotti Kerstin! Lpistolus et Opuseula, Loarinulii notiset odservationibus illustrata. 1°. I. II. Nrretii 1769. Das vorausgeschickte LebenAgliotti's ist fast allein aus den Briefen zusammengestellt.

y Nach spist. VIII, 57. In einer anderen Angabe epist. VI, 27 scheint einFehler zu stecken.

y Da er in der ?ii II voksnsio (1. II p. 350) als seine Studienzeit dasLustrum von 1425 bis 1430 angiebt, kann er überhaupt nur die niederen Cursedurchgemacht haben.