VI. Deutschland und der Humanismus.
265
Anregung zur modernen Wissenschaft und Kunst ist ihm unbestreit-bar am meisten durch italienische Hand überliefert. Hier soll nurauf die ersten Anstöße und Zusammenstöße hingedeutet werden.
Man hört wohl die Meinung, schon die Brüder vom gemein-samen Leben hätten sich mit der klassischen Literatur beschäftigt undein Nieolaus von Cues verrathe in seinen Schriften eine klassischeBelesenheit, die recht wohl mit der eines italienischen Humanistenwetteifern könne. Aber man beachte nur, wie die alten Autoren hiernoch ganz im Dienste der Theologie und in die Formen der Scho-lastik gepreßt erscheinen. Die bloße Belesenheit ist noch lange nichtjene einseitige Begeisterung der Humanisten, die allein die Kraft hat,einer neuen Wissenschaft Bahn zu brechen. An Kenntnißnahme undselbst Interesse für das Alterthum hat es zu keiner Zeit.ganz gefehlt.Kämen nur sie in Betracht, so könnte man mit mindestens demselbenRecht wie die Bruderhäuser und den Cusaner auch etwa Abailardund Johannes von Salisbury anführen. Vereinzelte Gestalten, indenen die klassische Literatur eine tiefere Liebe entzündete als in an-dern, finden sich in allen Perioden des Mittelalters und in allenKulturländern, so auch in Westfalen, am Niederrhein und in Bel-gien. Petrarca's Sokrates stammte aus dem belgischen Campine.Wir wissen von ihm aber wenig mehr als daß er Petrarca's Ver-ehrer und ein bevorzugtes Object seines Freundschaftskultus war.Petrarca scheint sich recht zu wundern, daß der belgische Boden ihmeinen solchen Freund erzeugt; er nimmt an, daß längerer Verkehrund die Liebe zu ihm den Freund säst zum Italiener gemacht. DenGrundlagen, aus welchen diese Hingebung erwachsen sein mochte, hater sicher niemals nachgeforscht st. So war auch noch Poggio sehrüberrascht zu erfahren, daß ein Dechant von Utrecht Cicero's Werkesammelte, eine Anzahl selbst seiner Reden bereits besaß und die an-deren zu erwerben wünschtest. Mochte es auch hier und dort guteSchulen geben, in denen die Lesung klassischer Schriftsteller und einbesseres Latein gepflegt wurden, davon nahmen die italienischenMeister keine Notiz, und nur der Zufall konnte einmal eine Verbin-dung mit ihnen herbeiführen.
') kslrrrrerr spist. rsr. ks.mil. IX, 2. Sokrates starb im Mai 1361.
2) koAZIus epist. X, 23 vom 31. Dec. 1451: Wrstris srrm kam stuäiosumeloquontiss st optimarrrm srtirrm viimm tsw loir^o sd Italic, ouirrs Imso stuciisverrrsorrls ssss vicisuMr, rspsriri.