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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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VI. Karl IV und Cola.

In Italien gehörten Dichtung und Alterthum sehr bald zumTon der Höfe und der besten Gesellschaft. So sollte man vermuthen,dieser Ton müßte sich, wie wir das in England auch sahen, am leich-testen auf die höfischen und vornehmen Kreise Deutschlands verpflanzthaben. Im ganzen aber finden wir in Deutschlands Fürsten undAdel gerade den schroffsten Gegensatz zu den zahlreichen großen undkleinen Herren, Bischöfen und Handelsmagnaten, die in Italien we-nigstens nach' dem Nimbus jener Modebildung trachteten. Es fehltedort an Vorbildung, aber auch am Weltverkehr, an der Berührungmit fremden Elementen, durch die eine schlummernde Empfänglichkeithätte geweckt werden mögen. Nur bei Königen und Kaisern, denenein kosmopolitischer Zug meist schon in die Wiege gelegt worden,deren Bildung eine universalere, deren Gedanken sich auch in frem-den Ländern leicht heimisch machten, dürfen wir erwarten, daß deritalische Humanismus auf sie und ihren Hof einen Reiz übte,mochte nun ihr Geschick sie nach Italien oder Italiener zu ihnenführen.

Wie hätte Karl IV, der gebildetste Fürst seines Jahrhunderts,der Zeitgenosse Petrarca's, der neuen Weltanschauung, die dieser denGeistern eröffnete, fern bleiben sollen! Als Knabe in Paris erzogen,war er wie ein Geistlicher ausgebildet, seinem Wesen nach kaum einerNation ungehörig, ein Mann, der lateinisch und französisch sprach,aber auch deutsch, böhmisch und italienisch sprechen lernte. Er warnicht nur obenhin empfänglich für alle Wissenschaft und Kunst, erhat seinen Sinn dafür auch durch große Stiftungen und Denkmälerbethätigt. Er hat der Geschichtschreibung nicht nur mehrfache Im-pulse gegeben, er ist auch der einzige deutsche Fürst des Mittelalters,der mit eigener Hand die Geschichte seines Lebens zu schreiben unter-nommen. Aber der neue in Italien erwachte Geist, der seiner Jugend-bildung fern gelegen, mußte an ihn doch erst in Persönlichkeiten heran-treten, die seinen zündendsten Inhalt, die Ruhmessehnsucht und dieSchwärmerei für das glorreiche Alterthum, in Flammenschrift an derStirn trugen. Es war doch ein Ereigniß, als inr Sommer 1350Cola di Rienzo, der gestürzte Tribun, in Prag erschien. Zwar einepolitische Bedeutung hatte er für Karl nicht und erlangte sie auchnicht. Aber im Gewahrsam, in den man ihn brachte, blieb er einegeistig-literarische Erscheinung, die durch ihre neuen und kühnen Ge-danken anzog. Die deutschen und böhmischen Magister, mit denen