VII. Der Humanismus und die Geschichtschreibung.
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trarca's aber wagte keiner wieder die alte Geschichte anzugreifen.Befremdlicher noch, daß wir überhaupt keine weitere Arbeit aufdiesem Gebiete kennen, die irgend einen Erfolg gehabt hätte. Wohlverfaßte der apostolische Scriptor Giovanni de' Crivelli zu PapstMartin's V Zeit ein Compendium der römischen Geschichte, das dieZeit der Republik wie die der Kaiser umfaßte. Auch über dieBürgerkriege zwischen Cäsar und Pompeius, zwischen Antonius undOctavianus hat er geschrieben. Aber diese Werke sind bisher nurin einer Handschrift nachgewiesen und haben sicher das Dunkel, dassie bedeckte, auch verdient'). Verbreiteter war die Uebersicht der rö-mischen Geschichte bis auf Augustus' Zeit, die Pier Candido De-cembrio dem König Alfonso von Neapel widmete. Zum Druck istsie ebenso wenig gelangt wie manches andere Werk des mailändischenVielschreibers 2). Die griechische Geschichte blieb in demselben Dun-kel, das sie im Mittelalter gedeckt. Wird Lionardo Bruni als ihrBegründer angegeben, so beruht diese Täuschung auf dem Titel seiner„Commentarien über griechische Geschichte", die aber, wie wir wissen,nichts weiter sind als eine freie Verarbeitung der Hellenika Xeno-phon's. Man lernte wohl eine Anzahl griechischer Autoren in denneuen Uebersetzungen kennen, aber nkemand wollte an die Arbeit, ihrsachliches Verständniß zu eröffnen und die Kontinuität der geschicht-lichen Entwickelung herzustellen. Es fehlte auch an der Aufmunterungzu solchen Studien. Die lohnspendenden Mäcene sahen ihre eigeneVerherrlichung lieber als die der alten Hellenen.
Noch viel weniger wurde die Periode seit dem Verfall des rö-mischen Reiches beachtet, ja sie wurde von den Meisten gleich denGeschichtschreibern des Mittelalters gründlich verachtet. SchonPetrarca war die Geschichte der christlichen Welt unbekannt undgleichgültig, ja fremdartig und zuwider. Der eine Begriff der Bar-barei deckte ihm alles und gab ihm das tröstliche Gefühl, jederKenntnißnahme als seiner unwürdig überhoben zu sein. Auch Boc-caccio berührt alles, was nicht antik und klassisch ist, nur mit Wider-willen und flüchtig. Zur Zeit Bruni's und Poggio's begann manwenigstens darüber nachzudenken, warum die Zeiten der Griechen
p S. oben S. 27 Note 6.
2) Handschriften der Lpitoms kistorias kowarms bei Lsxins p. 298, beiblittnrslli p. 875, bei Lolisls I,s eabinst äes iuLmiserits 7?. I p. 218. — UeberFiocco's Ilistoris ab »äolesesrUiL 6. Irrlii LsesLris s. oben S. 79.
Voigt, Humanismus. L. Aufl. II. Z2