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VII. Der Humanismus und die Geschichtschreibung.
und Römer ungleich genauer bekannt seien als die nächstvergangenen.Einstimmig fand man den Grund darin, daß jene durch geschickteGeschichtschreiber verherrlicht worden. Man berief sich auf Sallustius,der im 8. Capitel seines Catilina auch bereits bemerkt, die Thatenalter Zeiten erschienen stets größer und herrlicher, die Eloquenz derSchriftsteller aber mache auch mäßige Thaten zu großartigen. Darumschilt ein Literat wie Poggio solche Fürsten, die es versäumen, sichmit gelehrten und eloquenten Männern zu umgeben; sie verdienen,meint er, daß ihr Ruf mit dem Körper stirbt und ihr Name derEwigkeit verloren geht. Denn an würdigem Stoffe scheint es ihmauch in der modernen Geschichte nicht zu fehlen: warum sollten zumBeispiel die Thaten Tamerlan's nicht ebenso gern gelesen werden,wie die des makedonischen Alexandras? nur am Herold hat jener esfehlen lassen. Auch macht Poggio die Bemerkung, daß Livius jaoft recht winzige Dinge von den alten Römern erzähle, die nur durchseine Darstellung groß und würdig erscheinen, und daraus schließter, daß es niemals an Geschichte fehle, wo nur tüchtige Geschicht-schreiber da sind'). Um dieses Mangels willen gaben die Huma-nisten das Mittelalter fast ganz verloren. Denn solche Fälle dürfteman hier nicht geltend machen; 'in denen ein städtischer oder fürst-licher Historiograph zu den alten Chroniken greift, um ihren Stoffdurch schönen Stil und Reden ausgeziert zum neuen Kunstwerk um-zugestalten und der Signoria oder dem regierenden Haupte der Dy-nastie darzubringen. Und noch weniger gehören die chronistischenUebersichten der Weltgeschichte hierher, wie sie Erzbischof Antoninovon Florenz oder Matteo Palmieri verfaßten; denn sie schließen sichder humanistischen Schule überhaupt nicht an.
Desto achtungswerther bei dieser allgemeinen Vernachlässigungder mittleren Zeiten erscheint der Mann, der gerade ihnen sein In-teresse und Decennien hindurch den besten Theil seiner Arbeitskraftzuwandte. Flavio Biondo unternahm es um 1440, die Geschichteder 1030 Jahre zu schreiben, die seit der Erstürmung Roms durchAlarich und die Goten verflossen. Wie er von Rom und Italien
>) I>vAAiu8 6s vrrriot. kort. lib. I p. 34 8eq. 77. Dieselben Gedanken, selbstmit dem Hinweis auf Tamerlan, in Rensäieti ^ecolti vialozrw 6e pr-rs8tantia, vironuin 8ni nevi s6. Oalletti p. 111. 112. Auch Aurispa meint im Briefean den Prätor von Bologna (s. Bd. I S. 563 Note 2) naiv: daß die Römer überalle andern Völker hervorragten, erscheine nur so in ihrem Lobe durch eloquenteSchriftsteller. ,