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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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VII. Historische Kritik.

Impulse bei den bedeutenderen Autoren der karolingischen Zeit sich-einst geregt'). Schon mit Petrarca beginnen ihre ersten Flügel-schläge. Er ist selbst Cicero und Seneca gegenüber nicht mehr einunbedingt gläubiger Verehrer, er sucht und versteht bereits auch dieSchwächen in ihrem Charakter. Er nimmt die Angaben der Klassikernicht ungeprüst hin, berichtigt sie, wo er kann, und so sind ihm auchdie Heiligenlegenden keine Autoritäten, an die sich Zweifel und Kritiknicht wagen dürften. Zu einem geheimen Gutachten über die angeb-lich von Julius Cäsar und Kaiser Nero dem Lande Oesterreich er-theilten Freiheitsbriese, die dem Privilegium Heinrichs IV von 1058eingeschaltet worden, von kaiserlicher Seite aufgefordert, erkannte eraus der unklassischen Abfassung sofort die Fälschung, über die mansich doch am Präger Hof unsicher fühlte ft. Wie Petrarca zum Geisteder Skepsis kam, aus dem die Kritik erwächst, ist nicht zu verkennen.Wer nur in die Welt der Gegenwart eingesponnen lebt, nimmt diein ihr herrschenden Meinungen und Anschauungen gläubig hin. Erstwo die Kenntniß einer anderen Welt hinzutritt, wo die Gedanken-kreise sich schneiden, wird der Sinn der Vergleichung herausgefordertund das Urtheil geschärft. So fühlte Petrarca sehr wohl, wie dieBeschäftigung mit dem Alterthum ihm eine Kraft gegeben, die alleKünste der Dialektik nimmer in ihm geweckt hätten. Selbst aufBoccaccio, den wahrlich die Zweifelsucht nicht plagte, ging etwasdavon über. Wenn er hörte, wie man die Mauertrümmer bei Bajäauf Caius Manns, Julius Cäsar, Pompeius und andere große Rö-mer zurückführte, stellte er dem seinen Zweifel gegenüber: es gebedoch, genau genommen, keinen Beweis, von wem jene Bauten einsterrichtet worden, man habe sich darüber Fabeln vorgeredet"). Lio-nardo Bruni erklärte einen Bries Dante's, obwohl er ihn im Pala-gio unter anderen öffentlichen Schriftstücken vorfand, für eine Fäl-schung, indem er ihn mit unzweifelhaft eigenhändigen Briefen Dante'sverglich ft.

-) S- Ebert Allg. Geschichte der Literatur des Mittelalters Bd. II S. 244.0 ?otrarea spist. rer. lamil. XXIV, 3. 5. I)o rspubl. opt. aclministr.(Opp. p. 419). Koerting Petrarca S. 505. Alb. Jäger Franc. Petrarca'sBrief an Kaiser Karl IV über das Oesterreichische Privilegium vam Jahre 1058im Archiv f. österr. Geschichte Bd. 38. Wien 1867. S. Bd. I S. 174.

3) I.sttsrs. Oorurrrni p. 158.

0 kinni vits. <Ii Hunts ecl. Oallstti p. 48. 49.