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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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VII. Historische Kritik.

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Der Fürst der kritischen Kunst ist aber auch auf dem histori-schen Gebiete Lorenzo Valla, dem die grammatischen Studien denGeist der Untersuchung und Scheidung geschult. Die Auflehnunggegen die Autorität und das Hergebrachte lag ihm gleichsam imBlute. Ihm warm die strittigen Fragen, wie etwa die längster-wogene, ob es zwei Seneca gegeben, eine rechte Freude. Ihm wares ein Triumph, den Briefwechsel zwischen Seneca und dem ApostelPaulus, an dem doch noch Petrarca nicht gerüttelt, einenerlogenen"zu nennen'). Sein Angriff gegen die constantinische Schenkung wardas Meisterstück der humanistischen Kritik, sowohl in der Führungdes Beweises wie in der Furchtlosigkeit des Vorgehens. Eine reinwissenschaftliche Fehde entspann sich für Valla aus seiner Entdeckung,daß Lucius Tarquinius nicht der Sohn, sondern der Enkel des Tar-quinius Priscus gewesen. Livius hatte sich in dieser Frage unsichergezeigt, wollte sich aber nach der Mehrzahl der Autoren für ersteresentscheiden. Valla dagegen wandte sich der Meinung des Calpur-nius Piso zu, die er bei Dionysios von Halikarnassos las. Er be-anspruchte auch nicht, etwas ganz Neues gesunden zu haben, seinVerdienst lag darin, daß er, der seinen Livius liebte und verehrte,doch auch gegen seine Autorität den Kamps nicht scheute. Und vondieser Seite ging auch der Widerspruch seines Gegners, des Bene-detto Morando von Bologna aus: er erklärte es für unerhört, denLivius anzugreifen, er warf Valla vor, durch den Neid gegen Liviuszu seiner Arbeit angestachelt zu sein. So erwuchs eine kleine Frageaus der Geschichte des alten Rom zu einer fruchtbaren kritischenFehde 2). Wie nahe aber lag'es, die so geschmiedete Waffe auf an-dere Gebiete der Ueberlieferung zu tragen, und welche gewaltigenErfolge hat sie in der Niederreißung des alten Systems errungen!

Weit zahlreicher als die Bearbeiter alter Geschichten sind unterden Humanisten die Verfasser von Denkwürdigkeiten und solchenDarstellungen aus der Zeitgeschichte, die sich zum Ruhm einerStadt, einer Dynastie oder eines Dynasten wenden ließen. Der-

y Vallas in srrores Vntonii kanäsnsis Quotation«» (Opp. p. 428).

2) Valla's Duo 4'argninii, 4>neins ao Xrnn«, prisoi Vnrguinii tiliivo annepot«8 knsrint, Läversn8 Invium llisMtatio, an König Alfonso gerichtet, unddie beiden Oonkntationss in Lvnsäietnm Llorauänin in seinen Opp. p. 438 8sg.^ntiä. in koxiuin lib. IV (Opp. p. 345). Die beiden Jnvectiven Morando'ssind nicht gedruckt, einiges über tbn im Oiornals äs' lettorati ä'It-üirr V. XI p. 325,