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finden sie dort in drei verschiedenen Gruppen, sämmtlich noch vordem Tode des dortigen Grammatikers Joachim Lange, welcherin Raupachs Theaterstücke „Vor hundert Jahren" noch eine bei-nahe vorweltliche Schulpedanterie repräsentirt. Der Sohn diesesUrpedanten, Samuel Gotthold Lange und der vier Jahrejüngere Pyra bildeten die erstere Gruppe. Die zweite, die durch-schnittlich fünf' Jahre jünger ist als die erstere, besteht ausGleim, Uz und Götz. Diese beiden Gruppen bestehen bereitsaus Anakreontikern. Drittens aber feierte der damals alleinstehende Ramler (er war sechs Jahre jünger als Gleim) aufeinem Schüler-Actus der lateinischen Schule zu Halle FriedrichsRegierungsantritt durch ein umfangreiches deutsches Gedicht.*)Auch Pyra besang den Regierungsantritt Friedrich des„Anderen." Alle diese Sänger erwarteten damals sogleich denAnbruch einer goldenen Aera. Ramler, der Schüler, allein deutetauf eine Erweiterung der Grenzen durch Friedrich hin VonFriedrichs Feldherrngröße läßt jedoch auch Pyra eine Ahnungdurchblicken. Wie vielfältig Friedrichs Charakter damals schonerwogen war, zeigt eine sehr auffallende Parallele, die Pyrazwischen Friedrich und Nero zieht. Er tröstet sich damit, daßFriedrich kein Nero werden könne, „weil Gott der Grund vonseiner Tugend" sei. Fast in allen Gedichten auf seinen Regie-rungsantritt wird Friedrich als der weise Salomo begrüßt.Der gleichfalls oft wiederkehrende Gedanke aber, daß nun eingoldenes Zeitalter anbrechen müsse, ist von Niemand lieblicherausgeführt als von dem frommen und gelehrten Pyra, welchersich selbst eine schöne und bedeutende literarische Aufgabe fürfriedliche Zeiten gestellt zu haben glaubte. Er wollte, gleich Bod-mer, für die „obotritische Musik der Reime" in der deutschen Lite-ratur zunächst nur durch eine sorgfältige Auswahl der Bilderund durch innere Harmonie der Sprache einen Ersatz schaffen.
Abgedruckt in Daniels zerstreuten Blättern. Halle, Waisen-haus 1866. S. 87 — 91.