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„Warum sind wir heute nicht zusammen (schreibt Ramler ausPreußens Hauptstadt) und werfen uns mit Rosen und kühlenuns mit Erdbeeren, so lange Erdbeeren und Rosen sind? . . .Warum lachen wir nicht? warum rasen wir nicht? Wir lachenund rasen ja mit Vernunft". Ihr Beisammensein in der Haupt-stadt verhinderte „der böse Genius von Berlin". Früher in Laub-lingen und dann in Halberstadt, in Leipzig und in Bernburg,überall, wo Friedrich oder auch nur Kleist sein leichtes Zelt auf-schlug: da war die hohe Schule dieser preußischen Dichter. ÄhrenZusammenkünften im Kriegslager hat die deutsche Literatur-geschichte nichts Aehnliches an die Seite zu stellen. Zur Beförde-rung ihrer Correspondenz wurden sogar die Boten zu Hilfe ge-nommen, welche Hasen für die Offiziere in's preußische Lagertrugen. Zu ihren größten Feinden gehören die Reichspostmeister:sie unterschlagen alle Briefe. Ewald von Kleist schilt sie deshalbSpitzbuben.
Kleist war die Seele im Freundschaftsbunde dieser Dichter.Reichere Lebenserfahrungen zeichneten ihn auch als Sänger vorden anderen Hagestolzen der Dichtergruppe Vortheilhaft aus. Treuin der Freundschaft, unglücklich in der Liebe (in dem schönen Ge-dichte an Wilhelmine, die er nach der Sitte der Zeit als seine„Doris" besang *), deutete er zum ersten male auf sein Ende inder Schlacht hin) war er jedenfalls einer der liebenswürdigstenHelden seiner Zeit. „Welch ein Oncle, mein gnädiges Fräulein!"schrieb Gleim nach Kleists Tode, noch ganz erfüllt von der Er-innerung an die Anmuth und Würde, Elasticität und Geistes-größe seines adligen Freundes, an dessen Nichte Wilhelmine vonPlötz. Ramler nennt ihn den besten Menschen und den bestenOffizier, den der König hat. Als Kleist einst lange nicht avan-cirte, fand Ramler an dem berliner Artikel in den Zeitungenkeinen Gefallen mehr. Selbst eine allgemeine Universitäts-Bildungfehlte ihm nicht. Er legte später Werth darauf, daß er als
*) Im Mai 1744.