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tende Wirksamkeit auch in Preußen auszuüben begonnen. DiesLustspiel warf das erste literarische Interesse unter das Volk inBerlin. Außer dem Messias hatte noch keine deutsche Dichtungsolche Theilnahme erregt wie Minna von Barnhelm.*)
Alle Fehler der politischen Poesie eines Ramler und Gleimsind in Lessings Minna von Barnhelm ausgemerzt. Gerade diepatriotische Wärme der deutschen Muse bei Friedrichs Lobe hattendie offenen und versteckten Feinde der vaterländischen Literaturschnell mit dem Ramm der Schmeichelei gebrandmarkt. Sogardie Hofgeistlichkeit hatte sich dessen nicht enthalten. Offenbarhatte sie zu Anfang des siebenjährigen Krieges einen größerenEinfluß auf die Gemüther der Hauptstadt ausgeübt als bei dessenEnde. Aus Ramler und den anderen patriotischen Kirchgängernund Paukenschlägern, die schon immer mit dem energischen Plothoin Verbindung gestanden hatten, waren um die Zeit des Friedensvon Hubertusburg Männer geworden, welche die öffentliche Mei-nung hinter sich hatten. Man konnte die Naivität Gleims,namentlich aber die Schwerfälligkeit und Ungeschicktheit an einigenStellen bei Ramler als Schmeichelei mißverstehen und vielleichtbei Friedrich selbst als solche verleumden. Aber schon durch Lessingsgeniale Leichtigkeit und freimüthige Redekunst in der Minna vonBarnhelm war die deutsche Muse von diesem Borwurfe wiederbefreit.
Auch dazu hatte Lessing Vieles beigetragen, daß die litera-rische Stellung Berlins zur Zeit des siebenjährigen Krieges alssehr bedeutend erscheint. An der inneren Entwickelung der Preußi-schen Dichterschule hatte er einen großen Antheil.
Welch ungeahnte rastlose literarische Arbeitsamkeit zeichnetjenen Krieg aus, nicht allein auf Seiten des Königs und seinesCabinets, sondern auch auf Seiten der Kunstdichter und selbstauf Seiten des Volkes!
*) Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4. Aufl. IV. 1653.S. 349.