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Ludwig Häusser's Geschichte des Zeitalters der Reformation : 1517-1648 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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Die Pfalzgräfin Elisabeth Charlotte.

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ken von beinah einem Menschenalter rastlos bemüht war, dasLand wieder herzustellen zu dem Glanz, in dem es sein Bater,in dem er selbst es als Kind von wenig Jahren verlassen hatte.

Das ist der Bater von Elisabeth Charlotte, und es ist nichtschwer, manche Züge des Vaters in der Tochter wieder zu er-kennen.

Wie er selbst in ihren jungen Jahren sie mit sichtbarer Vor-liebe behandelte, sie unter all seinen Kindern, namentlich seinenTöchtern vorzog, so war auch unverkennbar eine gewisse Seelen-verwanvtschaft zwischen beiden vorhanden. Derbe, gesunde, natur-wüchsige Kraft war vom Vater auf die Tochter übergegangen,ebenso die alte schlichte Weise der Sitte und Lebensanschauung,der patriarchalische Grundton früherer Tage, dabei die gesundeWahrhaftigkeit, die die Dinge kurzweg beim Namen nannte undunfähig war auch nur ein unwahres Wort auszusprechen, aberauch das Aufbrausende, das Heftige des Temperaments, auch diejähen Launen, die rasch kamen und rasch vergingen, das Alleswar ein Erbtheil des Vaters, oderunseres gestrengen HerrnVatters seelig", wie sie sich stets ausdrückt.

Auf ihr ganzes Leben hat diese Jugendzeit unter diesemAlaune bestimmend eingewirkt. Man sieht an ihrem späterenThun und Denken, daß dieses Bild des Vaters ihr unvergeßlichwar, und rührend erzählt sie selbst, ein halbes Jahrhundert nachihrem Abschied von ihm, wie sie nur unter bittern Thränen andem Haus in Marburg habe vorbeifahren können, an dem sie ihnzum letzten Mal gesehen. Wie streng seine Zucht auch war, vonihr erfahren wir nur Zeugnisse treuer hingebender Liebe zu ihm.

Es spielte dazu in die Geschichte der Familie ein eigenthümlich bitteres Berhängniß. Während der Staat anfing neuzu erstehen, drohte die Dynastie durch eine Verkettung von Um-ständen, in der es schwer ist auszupressen, wer die meiste Schuldhat, zu erlöschen.

Karl Ludwig war rnit einer Prinzessin von Hessen vermählt,der Mutter von Elisabeth Charlotte; die Ehe war nicht glücklichund nach wenig Jahren trat erst eine thatsächliche, dann eineförmliche Scheidung ein. Daß kein Theil frei von Schuld war,ist zweifellos, daß die Anwesenheit der anmuthigen und liebens-würdigen Hofdame, Frl. von Degenfeld, nicht die Ursache war,

Häusler, Reformalionszeilaller. 54