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Anhang.
Aber glauben Sie nicht, daß Elisabeth Charlotte das je aus-spricht; ihr Gemahl war ihr Herr, und sie war seine treue Ge-mahlin, sie ist ihm hingebend und unterthänig gewesen, wie esdie alte Zucht mit sich brachte. Was sie dabei empfand, wissenwir nicht, sie hat ihren Gemahl vielleicht verachtet, ob sie sichdas je selbst gestanden hat, weiß ich nicht, gesagt aber hat sie'snie. Es ist die stärkste Probe für eine trotz aller Derbheit undfreien Natürlichkeit gesunde Frauennatur, in diesem schweren Le-benskampf auch nicht einmal zu zeigen, wie tief sie den Druckihrer Lage empfindet.
In all ihren Briefen weiß ich nur einzelne Stellen, wo sieklagt über ihre Behandlung, da aber ist es, wo man ihre Kinderverderben will. Als es sich darum handelt, ihrem Sohn, demlasterhaftesten Sohn der tugendhaftesten Mutter, einen Erzieherzu geben, da suchte der Vater aus seiner unwürdigen Umgebungeinen der unwürdigsten aus, es war der Stallmeister, der spätersogenannte Abb6 Dubois. Damals hat die Mutter sich geregt,damals hat sie einen Kampf bestanden, gerungen mit ihrem Mann,ihrem König, dem ganzen Hof, wie eine Mutter, die ihr Kindeinem reißenden Thier zu entreißen sucht. Es war vergeblich, siehat den Sohn verloren.
„Es war immer ein guter Bub", sagte sie wohl, „aber waser werden konnte mit seinen Gaben, ist er nicht geworden". Ein-mal sagte sie: „Mit meinem Sohn ist es seltsam gegangen. Esgiebt ein altes Mährchen von einem Königssohn, wo die Feenalle zur Taufe geladen sind bis auf eine, die vergessen wurde.Jede Fee bringt ihre Gaben, sie sind der reichsten und vielseitigstenArt, aber die eine, die vergessen worden ist, verwünscht ihn, daßer alle diese schönen Gaben nicht soll brauchen lernen. So istes meinem Sohn gegangen."
Es läßt sich denken, wie wenig glücklich sie sich unter diesenVerhältnissen gefühlt haben kann; war sie doch in ein Leben hin-eingebannt, wo jeder Zug, jeder Athem ihr feindselig war, aneinen Gatten gekettet, über den sie sich ihre Empfindungen nichtgestehen durfte, von ihren Kindern getrennt, und die Kinder ab-sichtlich dem Verderben zugeführt. Und doch man empfindet wiederBewunderung, wenn man sieht, wie glücklich sie war, wie ihrgesundes Naturell, ihr leichtes Pfälzer Blut, ihre Gabe, die Dinge