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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans. 55

die nicht devot war, war er es auch nicht, da er aber in eineverliebt geworden, so immer von Pönitenz spricht, glaubt er Alles,was diese ihm sagt, auch so, daß der Beichtvater und die Damegar oft uneins sind, denn er glaubt sie mehr als den Beichtvater,will sich aber selber die Mühe nicht geben nachzuforschen, welcheseigentlich die Religion ist. Eins ist auch nicht zu leugnen, daßder große Mann bisher über die Maßen glücklich gewesen ist; obdies Glück aber noch lange Bestand haben wird, soll uns dieZeit lehren.

An die Kurfürstin Sophie.

(17) St. Clond, 20. Mai 1696.

.... Ich muß gestehen, daß wenn ich in den Predigten

höre, wie man den großen Mann lobt, die Reformierten verfolgtzu haben, so werde ich immer ungeduldig darüber; ich kann nichtleiden, daß man lobt was übel gethan ist. Das habe ich mirallezeit nicht vorzuwerfen, denn ich lobe nie als was ich lobens-wert halte. Ich sehe nicht, daß der Prinz äs Kaltes sehr devotnoch eifrig ist, möchte wohl mit der Zeit gar L xroxos umsat-teln.Es ist leichter hier im Land eine gute Komödiantin

zu finden, als einen guten Komödianten, denn es sind viel Weiber,die wohl spielen, aber nur 3 oder 4 Männer in der trouxo vomKönig, die gut sind.

An die Raugräfin Louise.

(18) Versailles, 22. Januar 1697.

.... Freilich sind die Kinder wohl glückselig, so so jung

sterben, denn denen ist der Himmel wohl gewiß und stehen nichtalles Unglück und Betrübnis aus, so denen wohl nicht fehlt, solang in dieser Welt bleiben. Daß man einen Tag sein Unglückbesser ertragen kann, als den andern, ist gar gewiß und wahr;ich verspüre es auch, aber doch gewöhnt man sich endlich daran,die Sachen nicht so gar mehr zu Herzen zu ziehen. Es ist eine ver-drießliche Sache, daß die Pfaffen machen, daß die Christen ein-ander so zuwider sein müssen. Die 3 christliche Religionen, wennman meinen Rat folgte, sollten sich für eine halten und sich nichtinformieren, was man drinnen glaubt, sondern nur ob man nachdem Evangelium lebt, und dagegen predigen, wenn man übellebt, aber die Christen untereinander heiraten lassen und in welche