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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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54 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.

von den Geringsten leiden müssen. Hier ist in der That kein Hofals des Königs seiner, der unsre ist für keinen Hof zu rechnen,denn es sind ganz andre Manieren als in Deutschland. Mankann sich's unmöglich einbilden, man sähe es dann. Die Eontre-faits für Karoline und Euch werden wohl kommen und ohne michzu inkommodieren, aber es gehört Zeit dazu; denn man kannhier wenig thun, was man will. Es ist gar gewiß, daß dieKönige hier den Assassinat von König Wilhelm nicht befohlenhatten, sondern ist nur ein Dessein von den Conspirateurs ge-wesen. Es scheint wohl, daß König Wilhelm gar nicht cruotist, indem er selber Sorge gehabt, daß sein Schwieger Herr Vatermit seiner Familie davon gekommen ist. Ich bilde mir ein, daßer dem Duc de Barwick nichts übles gönnte, weil selbiger sosehr an seine verstorbene Gemahlin gleicht. Unsre Königin vonEngland hier hat ein Contrefait von ihrer verstorbenen Stief-tochter; wie sie es mir wies, meinte ich, es wäre der Duc deBarwick, den man in Weibskleider gemalt hätte; sie sind einanderja nahe genug gewesen, um einander zu gleichen. Daß KönigWilhelm Herz genug (hat), weiß man jetzt gar zu wohl hier unddaß ich groß Recht hätte, wenn ich's bestritten. Ich glaube, Ka-roline würde besser thun, sich nur der guten Luft zu bedienenund kein Wasser zu gebrauchen. Weil, mit dem König zu reden,so langsam zugeht, seht Ihr wohl, liebe Louise, daß ich mich nichtübereile und die Zeit in acht nehme. Hier kann man, wie schongesagt, nicht reden wie man gerne wollte, denn man sieht denKönig gar selten, und wenn man ihn was zu fragen hat, mußman sehr die Zeit in acht nehmen, daß er von gutem Humorist, sonst richtet man nichts aus; drum so seid nur in keimnSorgen!

An die Kurfürstin Sophie.

(16) Marly, Mittwoch 16. Mai 1696.

.Wie einfältig der große Mann ^) in der Religion,

ist nicht zu begreifen, denn sonst ist er nicht einfältig, es kommtaber daher, daß er nie nichts von Religionssachen, noch die Bibelgelesen, und nur vor sich hin glaubt, was man ihm von derReligion vorschwatzt. Darum auch als er eine Mätresse hatte.

') Der König Ludwig XIV.