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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans. 79

In welcher Religion es auch sein mag, man kann allein durchdie Werke von rechtem Glauben judiciren, wer wohl thut, liebtGott und seinen Nächsten, das sind die Gesetz und Propheten,wie unser Herr Christus uns lehrt. Alle abergläubische Messenwerden hier dermaßen gestraft, daß ein Priester, so vor Mäusendie Meß hier lesen würde, gebrannt würde werden, wie einZauberer. Carl Moritz wundert mich, geschmählt zu haben, daßIhr mir frei schreibt. Kann er denn glauben, daß ewige Kom-plimente angenehme Leute machen könnten und daß es ein Spaßsein kann, mit Leuten, so man lieb hat und denen man so naheist, im Zwang zu reden?

.... Wie ich sehe, so macht Ihr es nicht, wie ich, weitIhr die Predigen behalt; ich kanns aber nicht lassen, ich schlafe

sie von einem End zum andern aus.Das würde man

Euch hier nicht erlauben, bei dem Spiel zu diskutieren. Rätselcheraufgeben ist all artig, da amusire ich mich etlichmal mit, eheich schlafen gehe. Ich wollte, daß Ihr mich mit nach Hannover-nehmen könntet. Das ist das einzige, so ich erdenken kann, somir in dieser Welt noch Freude geben könnte; weilen es aberleider nicht geschehen kann, so wünsch ich Euch eine glückliche Reis'und lustigen Karneval.

An dieselbe.

(44) Fontainebleau, 4. November 1701.

Ich bin Euch sehr verobligirt, liebe Ameliese, Euch so sehrüber meine, Gott sein Dank, perfekte Gesundheit zu erfreuen.Der König continuiert, mir große Gnad zu erweisen. Den gutenWunsch, so Ihr thut, daß Gott des Königs Herz regieren möge,damit ich noch ferner vergnügt leben möge, meritiert noch eineabsonderliche Danksagung. Wenn man so alt ist, als ich bin,vergeht alle Lust von sich selber; denn man wird alles müd, aberrittlich zu sein, kann man sich wohl entwehren. Es ist wohlgewiß, daß große Traurigkeit sterben macht. Hierin hat derKönig Salomon groß Recht. Meint Ihr, liebe Ameliese, daß ichdie Bibel nicht mehr lese, weilen ich hier bin? Ich lese alleMorgen drei Kapitel. Ihr müßt nicht meinen, daß die fran-zösischen Katholischen so albern sind, wie die deutschen Katholischen;es ist ganz eine andre Sach mit, schier als wenn's eine andreReligion wäre. Es liest hier die heilige Schrift, wer will, man