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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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80 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.

ist auch nicht obligiert, an Bagatellen und abgeschmackte Mirakelzu glauben. Man hält hier den Papst nicht für unfehlbar; wieer monsisur äs I^avuräill zu Rom exkommunizierte, hat manhier nur drüber gelacht. Man betet ihn nicht an, man hältnichts auf Wallfahrten und hundert dergleichen, worinnen manim Land ganz difserent von den deutschen Katholischen ist, wieauch von den Spaniern und Italienern. Ich komme aber wiederauf, was Ihr von der Melancholie sagt. Es ist nur gar zuwahr, daß die Traurigkeit zu nichts nutz ist; allein es stehet nichtallezeit bei uns, lustig oder traurig zu sein, und es ist schwer,lustig zu sein, wenn man sein Leben einsam zubringen muß,nichts hat, so einem eigentlich erfreuen kann, und in der Thatmanche traurige Sachen auf dem Hals hat. Die Lust runzeltebenso sehr als der obagi-i», und wenn man oft in die Sonnund in den Wind geht, runzelt man unfehlbar; das Lachen runzeltebenso sehr als das Weinen. Ich finde die glücklich, so Affairenverstehen können; mir sind's lauter spanische Dörfer. Die Me-nage begreif ich auch gar übel, komme spät dazu, etwas zu lernen,doch werde ich es so gut machen, als ich kann. Euer Haus wirdeher in Richtigkeit gebracht werden als das meine; denn Ihr gargewiß weniger Leute zu versorgen habt als ich; aber genug hier-mit von diesen verdrießlichen Sachen; denn alle Affairen, wie sieauch sein mögen, kommen mir verdrießlich und langweilig vor.Ich versichere Euch, liebe Ameliese, daß ich ganz und gar keineAmbition habe und nichts weniger wünschte als Königin zu sein.Je höher man ist, je gezwungener muß man leben, und wäredie Stelle von Madame eine Charge, so man verkaufen könnte,hätte ich es längst gar wohlfeil weggeben, will geschweige» denn,daß ich eine Königin zu sein wünschen sollte.

An Raugräfin Louise.

(45) Versailles, 12. Mai, 1702.

.... Ich muß lachen, daß es Euch freut, daß ich vondem lateinischen Geplärr nicht eingenommen bin. Außer bluts-einfältigen Leuten sonsten läßt sich niemands davon einnehmen,man geht nur an solchen Orten, den Pöbel nicht zu skandali-

') Der französische Gesandte in Rom 1687, der nicht, wiePapst Jnnocenz XI. verlangte, auf die Quartierfreiheiten der frem-den Gesandten verzichtet hatte.