Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans. 85
Ich halte mein Versprechen, Euch Euer französisch zu korrigieren,aber Ihr und Louise korrigiert meine deutschen Phrasen nicht,welche doch, wie ich glaube, der Korrektion oft von Nöten habendenn ich rede selten Deutsch und verspüre wohl, daß es mir nichtmehr so leicht ankommt wie vor diesem; also wenn man mir nichthilft, werde ich's gewiß vergessen. Denn ob ich zwar alle Tage,in der deutschen Bibel lese, einen Psalm und ein Kapitel im altenund eins im neuen Testament, so thut es doch nicht, als wennman täglich spricht. Bei der Rathssamhänsern kann ich auchnicht reden lernen, denn sie redet bitter übel deutsch; ich lerns sieeher, als sie's mir. Es ist sich nicht zu schämen, daß man einefremde Sprache nicht recht kann; die muß man geherzt) reden,um korrigiert zu werden, so lernt man desto besser. Mich wun-dert, da jetzt in Deutschland jedermann französisch reden undschreiben will, daß sie nicht besser die Orthographe in acht neh-men. Wie kommt's, daß Ihr ein französisch Fräulein habt?Denn das sind ordinär gar schlechte Edelleut, so gar nicht mitunserm deutschen Adel zu vergleichen sein; denn wenn hier einBürger eine oiiarAs äs ssaretairs äs roi kauft, passiert ergleich für ein Ksntiidoinnis und zudem so nehmen sie nie dieMißheiraten in acht, sondern heiraten allerhand Bürgersmäd-chen, auch wohl gar Bäuerinnen, wenn sie nur Geld haben, sindalso oft mit allerhand Handwerksleuten verschwägert; die gemeineNoblesse ist hier selber gar wenig geachtet.
An 'dieselbe.
(50) Fontainebleau, 12. Okt. 1702.
... Ich bin froh, daß jetzt so gute Gesellschaft zu Frankfurt;die ihr aber für Fürsten ausgebt, kann man sagen, wie das hie-sige Sprüchwort ist: „11s sollt äss prioass L Zro8 graiiis"Des Landgraf von Darmstadt Gemahlin ist gar keine Prinzeß.Ich kenne ihre Frau Mutter gar wohl; sie ist des äuo Vs.vrs8Tochter. Es sind Leute von Qualität, aber unter uns geredt, esist gar nichts Fürstliches in ihrem Haus, sind nicht mehr, alsalle hiesige Dass auch sind, und, glaubt mir, der Landgraf ist
*) Beherzt, mutig.
H Orthographie, nach dem franz. ortboArs.xbs.
2) „Sie sind grobkörnige Fürsten", d. h. Fürsten von wenigvornehmer Herkunft.