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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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88 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlüans.

verwundert bin zu hören, wie es in Deutschland nun zugeht.Alles muß in den 32 Jahren, so ich hier bin, erschrecklich ge-ändert sein. Mich wundert, da doch so viel Leute zu Frankfurtsind, wie man sich nicht besser dort in dem letzt verwichenen Kar-neval divertiert hat. Zu Hannover macht man sich brav lustig.Gott gebe, daß es lange währen möge und erhalte sie alle beiguter Gesundheit! Ich bin wohl Eurer Meinung, liebe Ameliese,daß man der Divertissementer wohl entbehren kann, wenn mannur seine Zeit ohne Verdruß und ruhig passieren kann; allein indieser Welt geht nichts so glatt ab; der Verdruß kommt undfindt sich öfter und eher als die Freude. Ihr würdet ein guterPrediger sein, liebe Amelise. Denn alles, was Ihr da sagt, istebensogut, wie eine Fastenpredigt und da schlaf ich nicht bei, wiebei allen anderen Predigten hier; denn man geht hier eine halbeStunde nach dem Essen in die Predigt, kann mich also unmöglichdes Schlafens enthalten, und es ist keine einzige Predigt, wo ichnicht einschlafe; heute noch habe ich so geschlafen, daß mir derKopf davon schwindelt. Hier sind't man gar wenig Weibs-leute, wo nicht von Natur kokett sind, und ist es recht rar, woman eine findt, so es nicht ist. Vor Gott mag es wohl schlimmsein, aber vor der Welt ist es lustiger, das ist gewiß. Die Ko-ketten flattieren sich, weil man in der heiligen Schrift findt, daßunser Herr Christus so vielen von ihren Gattungen gnädig ge-wesen, daß er sich ihrer Schwachheit noch erbarmen wird, alsnämlich der Maria Magdalena, der Samariterin, dem Weib, dasim Ehebruch begriffen war; das flattierte sie. Ihr meint, Ihrwürdet der Koketterie bald müde werden; allein ich habe vonvielen hören sagen, daß wer einmal verliebt gewesen ist, kannsonst kein Spaß mehr ohne den leiden und daß man's nie müdewird. Wie ich sehe, so ist Euer Humor jalous, liebe Amelise.Wollte Euch also nicht raten, kokett zu sein; Ihr müßtet zugroße Qual ausstehen.

An dieselbe.

(83) Versailles, 30. März 1704.

.... Ich habe das gute Werk, die Fasten zu halten, nichtgethan; ich kann das Fischessen nicht vertragen und bin ich garwohl persundirt, daß man bessere Werke thun kann, als seinenMagen zu verderben mit zuviel Fisch essen.