Briefe der Elisabeth Charlotte von Orläans. 89
Was kamis schaden, daß ich weiß oder nicht weiß, wer inder Frankfurter Meß ist? Man ist wohl skrupulös zu Frank-furt, wenn man das übel finden kann ... Ich habe keine Müheeine Liste zu lesen, die Ihr mir nicht schickt; allein wenn Ihr zufürchten habt, daß es Euch Handel anmacht, thut wohl, die Sachnicht zu wagen; denn es wäre mir gar zu leid, wenn ich schuldigwäre; daß Ihr Angelegenheit bekämt um meinetwillen . . . Wenndie zu Frankfurt so wenig sekret mit ihren Affairen sind, sowollen sie wohl, daß Jedermann ihre Rathschlag wissen solle. Wa-rum soll man denn sekreter sein als sie selber? Aber um dieWahrheit zu bekennen, so deucht mich, daß es nun so toll inDeutschland zugeht, als wenn die Deutschen keine Deutschen mehrwären und wie ich davon höre, kenne ich nichts mehr und allesmuß unerhört geändert sein. Ihr sprecht wohl von der Kokettenihrer Qual aber nicht von ihrer Lust. Man leid't mehr um dieMenschen als für die Seligkeit, weilen Menschenlieben sich zuunsre Schwachheit schickt, die Seligkeit aber eine solche unbegreif-liche Sache ist, daß es schwerlich ins Menschenherz kommen kann.Ich bin nicht kokett von meiner Natur, das kann man mir wohlZeugnis geben; aber ich begreif, was die menschliche Schwachheitvermag, und beklag die, so in solch Unglück fallen mehr, als ichsie condemniere. Die Prediger sagen auf den Kanzeln, was siesagen müssen, aber nicht alle allemal, was sie denken oder wissen.Ich gestehe, daß das Zeitlich nicht viel werth ist, aber das Ewigeund Himmlische ist schwer zu verstehen, und halte ich es für einepure Gnade Gottes, wen der Allmächtige erleucht, das Himm-lische zu verstehen und die Seligkeit dazu zu erlangen. Ich glaube,man muß Gott fleißig darum bitten, hernach aber auch sich nichtviel quälen, was andre thun. Ein jeder hat in dieser Weltseine Plag. Gott weiß allein, warum er alles verordnet hat undwie er jedem seine Zeit und Stunden gefetzt hat, — dem ergebich alles.
An dieselbe.
(54) Versailles, 29. April 1704.
Herzliebe Ameliese, vergangnen Sonntag hatte ich zwar Eurenlieben Bries vom 17. April zurecht empfangen, allein ich habeselbigen Tag soviel zu thun gehabt mit dem Kirchengehen undsonsten vielem Schreiben, daß ich unmöglich das Eurige habe be-