Briefe der Elisabeth Charlotte oon Orlbcms. 99
dort und dann zu Bett. Das ist mein ganz Leben, welches ebennicht gar lustig ist.
An dieselbe.
(63) Versailles, 18. Juni 1705.
Herzliebe Amcliese, Ihr thut gar wohl mir fleißig zu schrei-ben. Es ist nicht allezeit nötig, was Neues noch Artiges zu sagen;wenn es kommt, ist es desto besser; aber wenn ich nur weiß,daß Ihr gesund seid und wie Ihr lebt, bin ich's schon zufrieden.Man hat mich nie gefilzt, in der Kirche zu schlafen, habe mir'salso so stark angewöhnt, daß ich es mir nicht wieder abgewöhnenkann. Wenn man morgens predigt, schlafe ich nicht, aber nach-mittags kann ich es unmöglich lassen. In den Komödien schlafeich nie, aber gar oft in der Opera. Ich glaube, daß der Teufelwenig daran denkt, ob ich in der Kirche schlafe oder nicht, dennSchlafen ist eine indifferente Sache, welche keine Sünde, sondernnur eine menschliche Schwachheit ist. Wir sehen wenig Prediger,so die Kunst haben, unsre Passionen zu dampfen; sind sie stark,so werden sie unser Meister; sind sie schwach, so werden wirMeister. Aber die Herren Prediger thun nichts davon, noch dazu;sie sind Menschen wie wir und haben genug mit sich selber zuthun. Wenn Ihr predigen wollt, will ich Euch versprechen, inEurer Predigt nicht zu schlafen und weilen Ihr eine lustige Chri-stin seid, so hoffte ich, Ihr würdet auch den Himmelsweg mitGeigen behängen. Dieses Gebet ist nicht schlimm, von einemfröhlichen Geist enthalten zu seines. Man sieht in diesem Landeso viel Lustige als Traurige boshaft, also darauf gar nicht zubauen ist. Unser Herrgott gibt das Temperament, um lustig undtraurig zu sein, aber hernach, so thut die Zeit und das Alternoch viel dazu. Ich bin viel lustiger gewesen, wie ich jung war,als nun. Run bin ich schier alles müd.
An dieselbe.
(64) Marly, 6. August 1705.
Trianon ist ganz nahe, nur ein Stückschuß weit von Ver-sailles; das ist der schönste Garten, so in der Welt mag gesehenwerden. Mich wundert, daß Ihr nichts davon gehört; denn nie-
') ^ einen fröhlichen Geist zu besitzen.