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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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98 Briefs der Elisabeth Charlotte von Orlöans.

Notwendigkeit zur Ader. Gott gebe, daß die Zcllische Reise glück-lich und wohl ablaufen möge! Die frische Luft wird ms tsntseher die Hauptschmerzen benehmen, als hundert Aderlässe. Ichästimiere den hannoverischen Hosdoktor ms tsnts stet herauszu-sagen, daß sie die Aderlässe nicht vonnöten habe; denn sonst dieDoktoren sind so sroh, wenn sie was zu ordonnieren bekommen,daß sie es wohl nicht aus der Hand schlagen. Es ist keineKrankheit, die ins, tsnts den Schlaf verwehrt; es ist leider nochdie Betrübnis, das kann allein die Zeit wieder bringen.

An Amelie Elisabeth.

(62) Marly, 16. Mai 1705.

.... Außer der Kirch bet' ich nie in einem Buch, machealle meine Gebete selber ... Es ist kein Karthäuser, der ein ein-samer und stiller Leben führt als ich. Ich glaube, ich werdeendlich das Reden verlernen, jedoch werde ich hinfüro ein wenigmehr reden; die Frau von Rathsamhausen kommt heute abendsoder morgen an, mit der überlege ich noch wohl die alten Ge-schichten unsrer Jugend. Ich will Euch wohl mein Leben hiersagen. Alle Tag, außer Sonntag und Donnerstag, stehe ich umneun auf, hernach knie ich nieder und verrichte mein Gebet undlese meinen Psalm und Kapitel in der Bibel; hernach wasche ichmich, so sauber ich kann; nachdem schelle ich, dann kommen meineKammerweiber und ziehen mich an, um dreiviertel auf elf binich angethan; dann lese ich oder schreib. Um zwölf gehe ich indie Meß, welche keine halbe Stunde währt; nach der Meß redeich mit meinen oder andern Damen. Um eins Präzis geht manzur Tafel. Gleich von der Tafel gehe ich in meiner Kammereine Viertelstunde auf und ab; danach setze ich mich an meineTafel und schreibe. Bis um halb sieben laß ich meine Damenholen, gehe eine Stunde oder anderhalb spazieren, dann wieder inmeine Kammer bis zum Nachtessen. Ist das nicht eine rechteEinsiedelei? Etlichmal fahre ich auf die Jagd, das währt eineStunde, zwei aufs höchste, dann wieder in meine Kammer. Nachder Jagd bin ich ganz allein, in einer Kalesche, schlafe oft ein,wenn die Jagd nicht zum besten geht. Man ißt um 11 zuNacht, um dreiviertel auf zwölf geht man von Tafel; dann zieheich meine Uhren auf, thue mein Sackzeug in einen Korb, ziehemich aus. Um zwölf gehe ich, wo ich morgens hingehe, lese