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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans. 107

um der bloßen Wahrheit hat sie mir erzählt, daß sie expreß dagewesen, um alles wohl in acht zu nehmen, hat das Kind ander Nabelschnur geheftet gesehen und kann nicht zweifeln, daß esnicht der Königin Sohn ist. Die Engländer gehen toll genugmit ihrer Königin um, um nicht fremd zu nehmen sollen, daßman kein Empressement genug hat, ihr König zu werden, ölatants hat groß Recht zu glauben, daß dies Kind der rechte Erbist. Es wäre eben so ein groß Uebel, einen rechtmäßigen Erbenfür ein vertauschtes Kind zu halten wollen aus Partialität, alswenn man ein Kind vertauscht hätte; denn eines und anderesUebel bestehet nur in der Ungerechtigkeit, die geschieht. Pfaffensind Leute wie andre Menschen, worunter viel gute und bösesind. Wenn der Kaiser die Kaiserin recht lieb hätte, wird erschon hüten, daß I. K. M. nichts Uebles geschieht. Niemand kannbesser wissen, öb's wahr ist, daß die französische Hebamme derKaiserin die Mutter versehret hat, als die Kaiserin selber; aberich habe all mein Leben sagen hören, daß man mit einer Ver-sehrten Mutter nicht leben kann; sie wäre all längst tot, wenndas wäre. Daß alle unsre Briefe gelesen werden, das ist garsicher; aber ein jedes sagt, was es denkt.

An dieselbe.

(76) Marly, 17. Juni 1706.

Herzliebe Ameliese, ob die Petschiere zwar unversehrt scheinen,so sind die Briefe nicht desto sicherer; denn man kann sie garwohl auf und wieder zu machen, ich weiß die Kunst, mein Sohnhat mir es gelehrt. An allen Höfen ist man mißtrauisch undliest die Briefe, es sei denn, daß ein Expresser sie in eignenHänden überliefert. Alle Künste wissen sie hier auch. Ich habealle bösen Bücher und Historien gelesen; nichts ist alberner, dennsie stecken Leute zusammen, so ihr Leben lang nicht miteinandergesprochen. Pater Peters H Buch ist so fälsch, daß es ganz un-geduldig macht, und andre mehr, so so übel gemacht, daß mankeinen einzigen Augenblick muß bei diesem Hof gewesen sein, daßman nicht gleich sieht, daß kein einzig Wort wahr daran sein kann.Hier im Land können solche Bücher gar nicht schaden; denn man

Etwa der bekannte Abbö St. Pierre (1658—1743), der seit1702 Beichtvater der El. Chart, war? Doch fallen die meisten seinerSchriften nach 1713.