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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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108 Briefs der Elisabeth Charlotte von Orleans.

sieht gleich, daß es jemand geschrieben, so keine Seele hier kennt.LIa, tants hat mir wohl geschrieben, daß der König in Preußennach Hannover mit seinem Kronprinz kommen werde, aber keinWort von Heirat; so habe ich auch gethan, als wenn ich nichtsdavon wüßte. Ich hoffe, liebe Ameliese, Ihr werdet mir fernerberichten, wie es abgehen, wenn der König in Preußen dort seinwird. Mylord Halifax Ceremonie! wird I. L. dem Kurfürstennicht gefallen; denn das wird kosten. Hiermit ist Euer liebesSchreiben beantwortet, und weil ich diesen Abend noch zwei, jagar drei zu schreiben habe, kann ich für diesmal nichts mehr sagen,als daß ich Euch, liebe Ameliese, allezeit von Herzen lieb behalte.

An dieselbe.

(77) Marly, 29. Juli 1706.

Der König in Preußen sucht alles hervor, was möglich,um mehr Ceremonien zu haben. Das kann ich wohl nicht be-greifen; denn wie Ihr wohl wißt, so bin ich der CeremonienErbfeind. Das ist aber kein Wunder, daß man bei einem könig-lichen Beilager su rodo sein wird; es wäre recht ridicule anders,und sollte man meinen, es wären nur Kammermägde, so sichheiraten. Den der Kurfürst oder ma. tsmts herschicken wollen,ist noch nicht ankommen. Ich habe wa tauts unterdessen einenUnterrock gewählt, so nicht häßlich ist, natürliche blaue Blumenmit goldenen Festons auf einem schwarzen Grund. Die deutschenFiguren sind nicht anders, als die französischen; denn man trägtja keine andre Tracht in Deutschland als hier. Ich muß lachen,daß Ihr meinen Sohn nach den Duc de Chartres heißt; so heißtman jetzt seinen Sohn, meinen Enkel, und mein Sohn heißt leDuc d'Orlöans. Danke Euch, liebe Ameliese, mir Glück zu wün-schen wie auch für alles Gutes, so Ihr ihm wünscht, welchesGott der Allmächtige erhören wolle. Es war meinem Sohn rechtleid, wie er vernommen, daß mein Vetter, der junge Landgraf,auch in Italien wäre. Es ist possierlich, daß die Hessen Italienso fürchten, aber in Deutschland sind die Katholischen viel aber-gläubischer als in Italien selber. Ich fürchte, liebe Ameliese, daßwir einander nirgends mehr sehen werden, als im Thal Josaphat;die Abwesenheit wird aber nicht verhindern, daß ich Euch rechtlieb behalte.